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Friedensnobelpreis ohne Liu Xiaobo

Zum ersten Mal seit 1936 kann weder der Preisträger noch seine Familie die hohe Auszeichnung persönlich entgegennehmen.Großansicht

Oslo/Stockholm/Peking (dpa) - Ein Stuhl blieb leer: Erstmals seit 1936 konnte der Friedensnobelpreis nicht übergeben werden. Der chinesische Preisträger Liu Xiaobo saß tausende Kilometer entfernt im Gefängnis, als er am Freitag in Oslo die wichtigste politische Auszeichnung erhalten sollte.

Auch Angehörigen und Freunden des Bürgerrechtlers hatte China die Ausreise nach Norwegen verweigert. Weil somit niemand den Preis entgegennehmen konnte, legte Nobelkomitee-Chef Thorbjørn Jagland sie für Liu auf dessen Stuhl.

Bei der feierlichen Zeremonie im Rathaus der norwegischen Hauptstadt nannte Jagland den 54-jährigen Regimekritiker «ein Symbol in China selbst und international für den Kampf um Menschenrechte in seinem Land». Liu sei in seiner Bedeutung für China mit der von Nelson Mandela für Südafrika zu vergleichen.

Die Auszeichnung für Lius jahrelangen gewaltfreien Kampf für Menschenrechte stieß international auf große Zustimmung. Zahlreiche Staaten riefen zur Freilassung des Bürgerrechtlers auf. US-Präsident Barack Obama, der die Auszeichnung im vergangenen Jahr entgegengenommen hatte, lobte den 54-Jährigen für seinen friedvollen Kampf. «Er verdient die Auszeichnung viel mehr als ich.»

Die Bundesregierung will sich weiter für die Freilassung des Regimekritikers einsetzen. «Es war gut, dass die Europäische Union heute in Oslo geschlossen aufgetreten ist», sagte Außenminister Guido Westerwelle. Der frühere tschechische Präsident Vaclav Havel, der als Dissident selbst insgesamt fünf Jahre in kommunistischen Gefängnissen saß, sagte der Zeitung «Hospodarske Noviny» (Freitag), Liu sei ein Held, ebenso wie die Mitglieder des Nobelpreiskomitees, die ihn auszeichneten.

In Stockholm wurden wenige Stunden später in einer feierlichen Zeremonie mit Schwedens König Carl XVI. Gustaf und Königin Silvia die wissenschaftlichen Nobelpreise, der Preis für Literatur sowie der Wirtschaftspreis der Schwedischen Reichsbank übergeben. Der 85- jährige britische Wissenschaftler Robert G. Edwards, der «Vater der Reagenzglasbabys», blieb der Zeremonie krankheitsbedingt fern. Den Literaturnobelpreis nahm der in Peru geborene Schriftsteller Mario Vargas Llosa entgegen.

In Oslo verlangte Nobelkomitee-Chef Jagland unter einem riesigen Foto Lius dessen sofortige Freilassung: «Liu hat seine Menschenrechte wahrgenommen und nichts Unrechtes getan.» Zum zweiten Mal in der 109- jährigen Geschichte des Friedensnobelpreises konnte das norwegische Komitee weder das Diplom noch die Nobelmedaille an den Preisträger oder Angehörige überreichen.

Vorher war dies nur 1936 nach der Auszeichnung des deutschen Publizisten Carl von Ossietzky (1889-1938) geschehen. Damals hatten die Nationalsozialisten dem lange inhaftierten Preisträger wie auch Vertrauten verboten, den Preis entgegenzunehmen.

Seit Bekanntgabe des Friedensnobelpreisträgers Liu vor zwei Monaten stellte China Dutzende Aktivisten und Kritiker unter Hausarrest, andere wurden in Haft genommen oder eingeschüchtert. Prominentes Opfer der Verfolgung wurde am Donnerstag Zhang Zuhua, der neben Liu Xiaobo an der Veröffentlichung der «Charta 08» vor zwei Jahren beteiligt war. Auch auf andere Staaten übte die Regierung in Peking Druck aus: 14 Länder, darunter Russland, Ägypten und Afghanistan, folgten ihrem Aufruf und boykottierten die Verleihungszeremonie in Anwesenheit von Norwegens König Harald V.    

Statt der sonst üblichen Rede des Nobelpreisträgers las die Schauspielerin Liv Ullmann Lius Erklärung «Ich habe keine Feinde» vor, die er vor seiner Verurteilung zu elf Jahren Haft vor knapp einem Jahr abgegeben hatte. Darin bezeichnete er die Erfahrung des Massakers auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens als «Wendepunkt» für sein Leben.

Das Osloer Nobelkomitee will neben der Nobelmedaille und dem Diplom auch die Dotierung von umgerechnet 1,1 Millionen Euro (10 Mio schwedischen Kronen) so lange zurückhalten, bis Liu Xiaobo oder eine Person seines Vertrauens selbst darüber verfügen können.

Nobelpreise / Wissenschaft / Literatur / China
10.12.2010 · 20:56 Uhr
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