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«Friedens-Dschirga» soll Dialog mit Taliban bringen

Der afghanische Präsident Hamid Karsai hat die Aussöhnung mit den Taliban zur wichtigsten Aufgabe seiner zweiten Amtszeit erklärt.Großansicht
Kabul (dpa) - Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen wollen von diesem Mittwoch an 1600 Delegierte in der afghanischen Hauptstadt Kabul den Grundstein für eine Aussöhnung mit den Taliban legen.

Die «Friedens-Dschirga» ist für drei Tage angesetzt. Zur Eröffnung wurde eine Ansprache von Präsident Hamid Karsai erwartet. Er hat die Aussöhnung mit den Taliban zur wichtigsten Aufgabe seiner zweiten Amtszeit erklärt. Die Taliban lehnen die Dschirga strikt ab.

Nach Angaben des Innenministeriums sind wegen der Dschirga 12 000 zusätzliche Sicherheitskräfte in Kabul eingesetzt, um Anschläge zu verhindern. Afghanische Soldaten und Polizisten werden von der Internationalen Schutztruppe ISAF unterstützt. Der Sprecher der ISAF, der deutsche General Josef Blotz, sagte am Dienstag: «Die internationale Staatengemeinschaft und die ISAF stehen hinter jeder Bemühung der afghanischen Seite, einen Friedensprozess einzuleiten.»

An der Ratsversammlung nehmen keine Aufständischen teil. Karsai erhofft sich breite gesellschaftliche Unterstützung für seinen Aussöhnungskurs und ein Mandat für den Beginn eines Friedensprozesses. Zur Dschirga hat die Regierung den Entwurf eines «Friedens- und Reintegrationsprogramms» (APRP) erarbeitet, das mit der internationalen Gemeinschaft abgestimmt wurde.

Einfachen Kämpfern soll dem 36-seitigen Papier zufolge Straffreiheit zugesichert werden, wenn sie die Waffen niederlegen und die Verfassung anerkennen. Anführern des radikal-islamischen Aufstands könnte unter anderem der Gang ins Exil angeboten werden, wenn sie sich vom Terrornetz Al-Kaida lossagen.

Die Taliban teilten mit, sie würden «den illegitimen und ungesetzlichen Entscheidungen der Dschirga durch eine Fortsetzung des Islamischen Dschihads begegnen». Der Kampf für die Errichtung eines unabhängigen islamischen Systems dauere an. Die Dschirga sei ein «Propagandatrick» der Invasoren und ihrer Handlanger. Die Taliban lehnen Verhandlungen vor einem Abzug der ausländischen Truppen ab.

Der wichtigste afghanische Oppositionspolitiker Abdullah Abdullah kündigte an, er und seine engsten Unterstützer würden nicht an der Versammlung teilnehmen. Abdullah stellte die Legitimität der Dschirga infrage. Auf die Frage, ob er ein Ergebnis der Dschirga akzeptieren werde, sagte er: «Was auch immer entschieden wird, ist nicht bindend.» Abdullah war bei der Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahre Amtsinhaber Karsai unterlegen.

General Blotz sagte, zwar könne Sicherheit auch bei der Dschirga nicht garantiert werden. «Ein entschlossener Attentäter, der von langer Hand einen Anschlag in einer Millionenstadt wie Kabul plant, ist nur sehr schwer davon abzubringen.» Derzeit sei das Umfeld aber «erstaunlich ruhig». Die Sicherheitskräfte seien auf mögliche Anschläge vorbereitet. Zuletzt waren bei einem Selbstmordanschlag in Kabul vor zwei Wochen 18 Menschen getötet worden, darunter sechs ISAF-Soldaten.

Dschirga-Sprecher Gul Agha Ahmadi sagte vor dem Treffen, unter den Delegierten seien Angehörige aller Volksgruppen und Regionen Afghanistans. Er hoffe, dass bald nach der Versammlung ein Friedensprozess beginnen könne.

Bei dem Treffen handelt es sich nicht um eine Loja Dschirga, eine Große Ratsversammlung. Einberufung und Teilnehmer der Loja Dschirga sind in einem eigenen Verfassungskapitel geregelt. Die Loja Dschirga ist demnach «die höchste Manifestation des Willens des afghanischen Volkes». Die nun von Karsai einberufene Versammlung hat keinen bindenden Charakter, aber dennoch hohe Symbolkraft.

Die «Friedens-Dschirga» hätte bereits Anfang Mai stattfinden sollen, wurde dann aber wegen technischer und logistischer Probleme auf Ende Mai und schließlich Anfang Juni verschoben.

Konflikte / Afghanistan
01.06.2010 · 21:33 Uhr
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