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Frauen als Chefs - Firmen brauchen mehr weibliche Kurven

Es wurde alles versucht. In den deutschen Kinderläden der 1970er, wo Mädchen und Jungs dasselbe Spielzeug bekamen, in den israelischen Kibbuzen, wo Kinder ganz ohne äußere Einflüsse erzogen wurden. Trotzdem wollen kleine Jungs kämpfen und befehlen, während kleine Mädchen ihre Puppe hätscheln und erzählen. Die Erkenntnis ist da, Mädchen und Jungs ticken nicht gleich. Selbst bei den sanftesten Jungs und den draufgängerischsten Mädels gibt es Grundmuster, die ihr Geschlecht auch ohne Rosa und Blau verraten.

Ist ja nicht schlimm, geben wir einfach allen dieselben Möglichkeiten und fördern jedes nach seinen Bedürfnissen, hat die Pädagogik entschieden. Doch wenn dieselben Menschen ein paar Jahre später im Beruf ankommen, geht das Problem wieder von vorn los. Männerwelt, Frauenquote, Führungsqualitäten und verkrustete Strukturen. Auch wenn es um die Gleichberechtigung im Berufsleben geht, ist das meiste durchgekaut. Doch um den wahren Grund, warum Frauen dort noch immer hinten anstehen, reden Politik und Wirtschaft nur herum.

Gisela Erler hat 20 Jahre lang eine Firma geleitet, die lange Zeit nur aus Frauen bestand. 1300 MitarbeiterInnen hat das Dienstleistsunternehmen für Kinderbetreuung inzwischen, und wie Frauen in Großunternehmen auf den unterschiedlichen Positionen agieren, weiß Erler daher genau. Unbewusst hat sie einen Modellversuch durchgeführt, aus dem sie in ihrem neuen Buch Schluss mit der Umerziehung! Vom artgerechten Umgang mit den Geschlechtern ihre Schlüsse zieht.

Wie Frauen im Job ticken, sehen Sie in unserer Bildergalerie.

Die schlauen Tipps der Personalberater für Mitarbeiterinnen kennt Gisela Erler zu Genüge. Will Frau Chefin sein, muss sie männlich werden, lautet noch immer der Tenor. So feuert die Zeitschrift Personalführung im vergangenen Jahr die Frauen an: «Um nach oben zu kommen, braucht man zunächst einmal die sogenannte Aufstiegskompetenz. ‹Konkurrenzverhalten› ist hier das Stichwort.» Frauen sollen sich die männliche Lust am Wettbewerb aneignen, denn die weiblichen Tugenden Fleiß und Freundlichkeit funktionierten «im wirklichen Leben so gut wie nie», findet die Autorin des Artikels.

Gisela Erler kommt das seltsam vor, weiß sie doch aus Erfahrung, wie erfolgreich Frauen durch ihren kooperativen, teamorientierten und persönlichen Führungsstil mit flachen Hierarchien ein Unternehmen leiten können. Und vor allem: Die meisten Frauen können es nur so. «Was einen männlichen Motor beschleunigt, kann einen weiblichen verlangsamen», schreibt Erler. Die beliebte Strategie, Mitarbeiter durch Wettbewerb zu höherer Leistung anzuspornen, wirkt bei vielen Frauen kontraproduktiv.

Lesen Sie hier, wie sich die weibliche DNA in Unternehmen einbauen lässt

Die Frage bleibt: Wie finden wir eine Unternehmenskultur, die weder die Frauen überrennt noch die Männer kastriert? Deutschland gehört weltweit zu den Ländern mit einer besonders maskulinen Führungskultur. In der teutonischen Debattenkultur zum Beispiel geht es ums Recht haben, in der angelsächsischen eher darum, gemeinsam eine Lösung zu finden.

Es gibt also Vorbilder, die zeigen, dass Männer durchaus auf den kooperativen Stil umschwenken können. Ein gutes Beispiel, wie sie ihr sanftes Potenzial entfalten, ist die Elternzeit. Die ist inzwischen positiv belegt und wird von den meisten Männern daher selbstverständlich und stolz ausgelebt.

Weg mit Boni und strikten Arbeitszeiten

Was mit Kindern klappt, sollte auch in der Firma hinhauen, findet Gisela Erler. Abgeschafft gehören für sie deshalb so ur-männliche Säulenheilige wie Boni, die strikte Anwesenheitspflicht im Unternehmen und die langen Arbeitszeiten für Führungskräfte. Boni schädigten Frauen doppelt: Weil sie erstens auf dem problematischen Wettbewerbsprinzip basieren und zweitens einen Anreiz setzen, der den meisten Frauen gar nicht so wichtig ist, nämlich Geld.

Das enge Korsett der Arbeitszeit lässt Frauen, die bei Kindern und Familie weniger Abstriche machen wollen als Männer, gar keine Chance, nach oben zu kommen. Sie finden sich damit lieber ab, als dass sie ihre Familie vernachlässigen. Flexible Arbeitszeit und Heimarbeit schaffen Abhilfe, und Erler kennt etliche Beispiele in ihrem Unternehmen, wie sich gerade junge Mütter in neuen Herausforderungen bewähren. Ähnlich ist es mit cleveren, aber stillen Frauen, die häufig gute Führungsqualitäten haben, sich aber dem Darstellungswettbewerb nicht stellen wollen.

Und schließlich der Mythos vom Chef und seinem 16-Stunden-Arbeitstag - sie habe als Geschäftsführerin eher weniger als 40 Wochenstunden gearbeitet, weil sie sich auf die reinen Führungstätigkeiten konzentrieren konnte, gibt Erler zu. Wie ihre Firma zeigt, erfolgreich.

Gisela Erler ist es leid, dass so viel weibliches Potenzial verschenkt wird. Wer ihr Buch gelesen hat, denkt: Wären nur alle Firmen Frauenunternehmen.


Titel: Schluss mit der Umerziehung! Vom artgerechten Umgang mit den Geschlechtern
Autor: Gisela A. Erler
Verlag: Heyne
Umfang: 384 Seiten
Preis: 17,99 Euro

[news.de] · 03.06.2012 · 08:00 Uhr
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