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Fragen und Antworten: Szenarien für den Austritt Athens

Frankfurt/Brüssel (dpa) - Anleger und Euro-Retter erwarten mit Bangen das kommende Wochenende. Gewinnen die Gegner des drastischen Sparprogramms bei der Neuwahl in Griechenland, könnte die Schuldenkrise eskalieren. Im schlimmsten Fall droht ein Austritt des hochverschuldeten Mittelmeerlandes aus dem Euro-Raum. Dies ist allerdings nur das absolute Katastrophenszenario. Möglicherweise könnte Hellas gezwungen sein, wieder eine eigene Währung einzuführen.

Gibt es historische Beispiele ?

Der Umtausch einer alten Währung zu einem staatlich festgelegten Wechselkurs in neue Valuta soll in der Regel das Vertrauen von Bürgern und Investoren stärken. Grund ist oft die Zerrüttung einer Währung durch hohe Inflation als Folge von Krieg oder Krisen. Der Euro-Abschied Griechenlands wäre dagegen ein historisch einmaliger Fall. «Eine derartige Situation - der Tausch einer international angesehenen Währung gegen eine als allgemein schwächer erwartete Währung - hat es bisher in dieser Form wohl noch nicht gegeben», sagt Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen.

Welche Folgen hätte dies für die Wirtschaft des Landes?

Der Euro-Abschied dürfte zunächst den kompletten wirtschaftlichen Zusammenbruch des Krisenlandes bedeuten. «Der erste Schock wäre sehr groß für das Land», sagt Solveen. «Die Einschätzung, die Griechen treten aus und dann ist alles wieder gut, ist so nicht haltbar.» Eine eigene griechische Währung würde drastisch an Wert verlieren, Ökonomen schätzen um die 50 Prozent. Die Exporte Griechenlands würden zwar billiger - doch ob das reicht, um international wieder wettbewerbsfähig zu werden, ist fraglich. Importe wie Benzin oder Diesel würden deutlich teurer. Und Hellas importiert mehr als es exportiert.

Was bedeutet das für die griechischen Banken ?

Das Bankensystem könnte ins Wanken geraten. Die neue Währung würde augenblicklich gegenüber der Gemeinschaftswährung massiv abwerten. Vermutlich würde jeder Grieche versuchen, soviel Euro wie möglich in bar zu horten. Um das zu verhindern, dürften Kunden an Geldautomaten in Griechenland wohl nur noch eine bestimmte Summe abheben. Die Banken müssten geschlossen werden. Deshalb fordern Experten, dass die Einführung einer neuen Währung geordnet verlaufen müsste - mit großzügigen Überbrückungshilfen und Stützung der Banken.

Wie schnell gäbe es neues Bargeld?

Neue Geldscheine dürften nicht schnell genug verfügbar sein. Deshalb würde Griechenland möglicherweise nur das Buchgeld auf die neue Währung umstellen. Gezahlt würde zunächst weiter mit Euro. Es müsste in kürzester Zeit ein Umtauschverhältnis für die alten Guthaben und Verbindlichkeiten in Euro relativ zur neuen Währung festgelegt werden.

Und wie sähe es an den Grenzen aus ?

Um zu verhindern, dass Griechen große Summen an Euro ins Ausland in Sicherheit bringen - bevor eine neue Währung eingeführt und abgewertet wird - müssten möglicherweise die Grenzen für einige Zeit kontrolliert werden. Artikel 65 des Lissaboner Vertrages erlaubt Kapitalverkehrskontrollen für den Fall, dass die öffentliche Ordnung oder die öffentliche Sicherheit bedroht sind.

Arbeitet die EU an solchen Notfallplänen?

Offiziell nicht. «Die EU-Kommission erstellt keine Drehbücher für Katastrophenfilme», sagt ein Kommissionssprecher. Doch hinter den Kulissen bereiten sich die Europäische Zentralbank (EZB) und die EU-Kommission auf das «worst case szenario» eines griechischen Austritts vor. «Selbstverständlich ist es so, dass wir uns auf alle Szenarien einstellen müssen, weil wir sonst unserer Aufgabe nicht gerecht würden», sagt Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker.

Worauf müsste sich die Bevölkerung einstellen?

Gehälter, Renten oder Pensionen würden in der neuen, vergleichsweise «schwachen» Währung gezahlt. Importierte Produkte würden dagegen teuerer werden. «Die Situation für die Griechen würde sich noch einmal deutlich verschärfen», sagt Volkswirt Solveen. Der Euro würde vermutlich - ähnlich wie die D-Mark in der früheren DDR - als eine Parallelwährung fortbestehen. Diejenigen, die über Euro-Bargeld verfügen, weil sie das Geld ins Ausland gebracht oder zuhause liegen haben, stünden vergleichsweise gut da.

EU / Finanzen / Griechenland
13.06.2012 · 21:55 Uhr
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