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Fragen & Antworten: Was hilft gegen Fachkräftemangel?

Berlin (dpa) - Es klingt wie ein Widerspruch, ist aber eine Tatsache: Trotz drei Millionen Arbeitsloser sucht die deutsche Wirtschaft händeringend Arbeitskräfte. Gefragt sind im Aufschwung vor allem Technik-Spezialisten. Eine gezielte Anwerbung ausländischer Fachkräfte könnte helfen, das Dilemma zu beheben.

Wie ist die Lage?

Nach offiziellen Zahlen fehlen aktuell 36 000 Ingenieure und 66 000 Computerspezialisten.

Wieviele Migranten haben einen Berufsabschluss?

Rund 2,8 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund verfügen nach Ermittlungen der Statistiker über eine - meist in Deutschland nicht anerkannte - berufliche Qualifikation ihres Herkunftslandes. Etwa 800 000 davon können einen ausländischen (Fach-) Hochschulabschluss vorweisen. 40 Prozent davon sind als Wissenschaftler oder Akademiker beschäftigt. Die restlichen zugewanderten Akademiker - also mehr als die Hälfte - arbeiten unterhalb ihres Qualifikationsniveaus. Knapp 29 Prozent der Hartz-IV-Empfänger sind Zuwanderer mit einem ausländischem Berufsabschluss, der aber nicht anerkannt wird.

Wie sind die Anwerbevoraussetzungen für Ausländer?

Bei der Besetzung offener Stelle kommt zunächst eine Vorrangprüfung zum Zuge: Kann der Arbeitsplatz von einem inländischen oder EU-Bewerber besetzt werden? Ist das nicht der Fall, kann auch ein ausländischer Bewerber von außerhalb der EU zum Zuge kommen und eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Auf diesem Weg sind im vergangenen Jahr etwa 28 000 Fachkräfte nach Deutschland gekommen. Auf Stellen, die mit einem Jahreseinkommen von mehr als 66 000 Euro dotiert sind, wird auf die Vorrangprüfung verzichtet. Erhält ein ausländischer Bewerber den Zuschlag, hat er damit automatisch auch eine Aufenthaltserlaubnis. Auf diese Weise kamen 2009 aber lediglich 162 Hochqualifizierte nach Deutschland.

Können sich Unternehmen nicht selbst helfen?

Große Konzerne, die es sich leisten können, zahlen schon heute Prämien und Spitzengehälter, um im internationalen Rennen mithalten zu können. Auch Betriebskindergärten, kostenlose Firmenbusse, Hilfe bei Behördengängen oder tolle Wohnungen gehören bei mancher Firma zum Wohlfühlpaket für neue ausländische Mitarbeiter.

Was plant die EU?

2011 wird in der EU die neue Bluecard eingeführt. Sie ist Europas Antwort auf die legendäre Greencard, mit der die USA seit Jahrzehnten erfolgreich die besten Kräfte ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten locken. Mit der Bluecard, die Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung kombiniert, soll alles besser werden. Mehrere Jahre sollen Fachkräfte in der EU arbeiten, reisen und umziehen können. Wechsel innerhalb eines internationalen Konzerns in die Europa-Filialen sollen zügig und ohne großen Papierkram möglich werden.

Wohin zieht es topausgebildete Arbeitnehmer?

Bisher machen Talente aus Asien und anderen Boomregionen um Europa meist einen großen Bogen. Nach Angaben der EU-Kommission gehen 55 Prozent der gut ausgebildeten Migranten in die USA - in der EU landen aus dieser Gruppe nur rund 5 Prozent. Vereinfacht gesagt, wandern in die Europäische Union die falschen Leute ein. Der größte Teil der Migranten (85 Prozent) hat keinen Beruf gelernt oder beherrscht nur einfache Tätigkeiten.

Welche demografische Entwicklung ist zu erwarten?

Migrationsexperten wie der Nürnberger IAB-Forscher Herbert Brücker sehen ohne Zuwanderung in den deutschen Arbeitsmarkt die sozialen Sicherungssysteme bedroht. Derzeit gibt es nach seinen Angaben ein Erwerbstätigenpotenzial von rund 45 Millionen Menschen. Ohne Zuwanderung schmelze dieses aus demografischen Gründen bis 2050 auf 26 bis 28 Millionen ab. Nur durch Zuwanderung könne das Potenzial an Erwerbspersonen bei 36 Millionen gehalten werden.

Erhöht Zuwanderung von Arbeitskräften die Arbeitslosigkeit?

Brücker verneint dies. «Die Migration führt nicht zu sinkenden Löhnen und steigender Arbeitslosigkeit», sagt er. Er sieht auf lange Sicht einen Zuwanderungsbedarf von 200 000 qualifizierten Ausländern im Jahr. Die Auswirkung dieser Entwicklung auf den Arbeitsmarkt sei als «weitgehend neutral» einzuschätzen.

Migration / Integration / Arbeitsmarkt
18.10.2010 · 22:19 Uhr
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