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Fragen & Antworten: Hilflose Aufseher und neue Lücken

Paris (dpa) - Es war die Kampfansage der Politik in der jüngsten Krise: Kein Finanzprodukt, kein Finanzmarkt und kein Finanzmarkt-Akteur sollen künftig unkontrolliert bleiben. Zwei Jahre nach dem großen Schwur der G20-Topwirtschaftsmächte gibt es jedoch nach wie vor große Lücken. In etlichen Fragen sind die G20 in Verzug und teils heftig zerstritten.

Nur einige Stichworte: die ungebrochene Macht hoch spekulativer Hedgefonds, die Abwanderung von Finanzjongleuren in undurchsichtige Schattenbanken und der gigantische Derivatehandel. In Paris wollten die G20-Minister weitere Schritte einleiten, um Regulierungslücken zu schließen. Aber die anhaltende Schuldenkrise in der Euro-Zone und der Streit der Europäer überlagert diese Themen:

Was haben die Wirtschaftsmächte denn bisher erreicht?

Seit dem G20-Gipfeltreffen im September 2009 in Pittsburgh - ein Jahr nach der Lehman-Pleite - hat sich natürlich etwas getan, auf nationaler, EU- und internationaler Ebene. Der 47-Punkte-Plan der G20 wurde durchaus in großen Teilen abgearbeitet. Das Herzstück sind schärfere Eigenkapitalregeln für Banken («Basel III»). Geändert wurden auch Vergütungs- und Bonusregeln von Managern. In Europa überwachen drei Aufsichtsbehörden Zocker und Ratingagenturen. Vorgaben für Verbriefungen - also den Weiterverkauf von Forderungen wurden verschärft. Auch der Druck auf Steueroasen wurde erhöht.

Offenbar zu wenig, wie die anhaltenden Turbulenzen zeigen?

Ja. Unabhängig vom aktuellen Streit über eine zwangsweise Kapitalisierung von Banken im Zusammenhang mit der Euro-Schuldenkrise wird schon länger über den Umgang mit internationalen und stark vernetzten Großbanken diskutiert. Für solche systemrelevanten Geldriesen («SIFIs») soll es nicht nur zusätzliche Kapitalvorgaben geben. Im Gespräch ist auch ein Instrument, solche Großbanken bei einer Pleite geordnet abwickeln zu können, ohne den gesamten Markt zu erschüttern. Diese Banken können künftig also nicht mehr darauf bauen, im Notfall vom Steuerzahler gerettet zu werden, nur weil sie schlicht zu groß sind und Ansteckungsgefahren drohen. Auf diese Weise soll das «too big to fail»-Problem («zu groß zum Scheitern») endlich auf globaler Ebene gelöst werden.

Es gab doch aber gerade erst «Banken-Stresstests» samt Entwarnung?

Das stimmt. Die Auswirkungen von Staatspleiten wurden von den Kontrolleuren dabei aber ausgespart. Vor allem aber: Die eigentlichen Gefahren drohen der Finanzwelt durch den Boom bei hochriskanten Hedge-Fonds und den bisher völlig unkontrollierten Finanzjongleuren, die in den «Schattenbanksektor» abwandern. Auch weil Banken und Versicherer inzwischen strenger beaufsichtigt werden, wächst die Gefahr von Ausweichmanövern. Die Nicht-Banken jonglieren mit dubiosen Konstrukten sowie unvorstellbaren Summen und wickeln jene Deals ab, die kontrollierte Banken auslagern.

Wie groß ist denn die Gefahr, die von «Schattenbanken» ausgehen?

Bankenaufseher wie der deutsche Bafin-Chef Jochen Sanio warnen bereits seit Monaten vor dem nächsten Crash. Schätzungen gehen davon aus, dass allein in den USA mit 16 000 Milliarden Dollar ein größeres Kreditvolumen bewegt wird als von den herkömmlichen Banken (13 000 Milliarden). Profiteure des neuen globalen Finanzcasinos sind Hedgefonds und sogenannte Private-Equity-Gesellschaften. Diese werden von regulierten großen Pensionsfonds, Versicherern und Banken derzeit mit frischem Geld geradezu zugeschüttet. Geldhäuser nutzen «Schattenbanken» als Handelspartner, um Risiken loszuwerden.

Sind Schattenbanken die einzige Regulierungslücke?

Nein, es gibt noch andere Oasen für Zockerbuden, etwa den bisher weitgehend unregulierten gigantischen Markt für außerbörslich gehandelte Kreditderivate (OTC/«Over the Counter»). Das sind hochkomplexe und risikoreiche Finanzprodukte. Der Derivatemarkt soll Experten zufolge zehn Mal größer sein als die gesamte globale Wirtschaftsleistung.

Haben Gegenmaßnahmen überhaupt eine Chance?

Völlig austrocknen lassen sich diese Regulierungsoasen wohl kaum. Es könnten aber auch Hedge-Fonds in aller Welt überwacht und Geschäftsbeziehungen zwischen Banken und «Schattenbanken» eingeschränkt werden. Allerdings: Bisher scheint mehr als ein Minimal-Konsens in der G20-Gruppe kaum möglich. Vor allem die USA und Großbritannien treten immer noch auf die Bremse. Das betrifft auch die von Deutschland und Frankreich geforderte Finanztransaktionssteuer, mit der Spekulationen eingedämmt würden.

Finanzen / G20
14.10.2011 · 22:52 Uhr
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