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Forscher: Kein Friede in Afghanistan ohne Paschtunen

Hamid Karsai in der ersten Loja Dschirga nach dem Sturz des Taliban-Regimes am 14. Juni 2002.
Münster (dpa) - Die Entscheidung über Krieg und Frieden in Afghanistan hängt nach Einschätzung des Soziologen Christian Sigrist von der Universität Münster von der größten Volksgruppe, den Paschtunen, ab. Warum viele von ihnen auf Seiten der radikal-islamischen Taliban kämpfen und was sie zum Frieden bewegen könnte, erklärt der Paschtunen-Experte im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Kann eine von Deutschen ausgebildete afghanische Polizei Recht und Ordnung bringen?

Sigrist: «Nein. Deutsche Polizeiausbilder haben es schon in den 1960er Jahren nicht geschafft, eine für zivile Konfliktlösung geeignete Polizei auf die Beine zu stellen. Die Folge war: 1965 wurde eine studentische Demonstration in Kabul, anstatt von der Polizei geregelt, vom Militär blutig niedergeschlagen. Bessere Aufbauhilfe wäre es, wenn Deutschland jungen Afghanen durch Stipendien ein Studium hierzulande ermöglichen würde.»

Warum kommt den Paschtunen in Afghanistan eine bedeutende Rolle zu?

Sigrist: «Sie sind die größte Volksgruppe des Landes. Aus ihren Reihen und aus den Panjshir-Tadschiken hatte sich seit 1980 der Widerstand gegen die sowjetischen Besatzer rekrutiert. Viele Kinder dieser Jahre wuchsen als Waisen in pakistanischen Flüchtlingslagern und Koranschulen auf, wo sie in den 1990er Jahren von Taliban angeworben wurden. Zu den Aufständischen heute gehören Paschtunen, die ihre bei Luftangriffen getöteten Familienangehörigen rächen wollen. Ihr Stammesrecht verlangt die Wiederherstellung der Ehre. Und es kennt keine Verjährung.»

Nach welchen Regeln leben die Paschtunen?

Sigrist: «Ihr Vertrauen in eine staatliche Ordnung ist allein der Korruption wegen sehr schwach. Dennoch ist Afghanistan entgegen NATO-Behauptungen kein rechtsfreier Raum. Wer beispielsweise im Haus eines Paschtunen die Tür zum Bereich der Frauen eintritt, begeht eine Schändung. Das ist nach paschtunischem Recht so schlimm wie Mord. Der große Unterschied zu unserer Gesellschaft liegt in dem übersteigerten Ehrenkodex, insbesondere was die Verletzung von Sexual- und Familiennormen angeht.»

Wie lässt sich ein Streitfall mit Paschtunen ohne Gewalt beilegen?

Sigrist: «Das geht nur über Verhandlungen auf einer Jirga. Auf dieser Versammlung lassen sich Konflikte lösen. Die Täter müssten sich demütigen, sich entschuldigen und Kompensationszahlungen entrichten. Das ist etwas, was die US-Amerikaner häufig versäumt haben. Die deutsche Seite bemüht sich nach dem schlimmen Luftangriff von Kundus immerhin um Wiedergutmachung.»

Wie ist Frieden mit den Paschtunen möglich?

Sigrist: «Ein zentralistischer Nationalstaat, wie ihn (der afghanische Präsident Hamid) Karsai, die USA und auch Deutschland für Afghanistan durchfechten wollen, ist mit den Paschtunen nicht zu machen, allenfalls ein multi-ethnischer Föderalstaat. Eine Stabilisierung in der Region ist nur möglich, wenn Afghanistan und Pakistan eine föderale Allianz eingehen (...) und die ISAF (die Internationale Schutztruppe in Afghanistan) geordnet den Rückzug antritt.»

Interview: Michael Billig, dpa

Konflikte / International / Afghanistan
27.01.2010 · 22:35 Uhr
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