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Fluchtschacht für Kumpel in Chile offen

Kumpel in Chile: Weniger als 80 Meter bis zum ZielGroßansicht

Bergwerk San José/Berlin (dpa) - Sirenengeheul kurz nach Sonnenaufgang in der chilenischen Wüste: Der Rettungsschacht für die verschütteten Kumpel in Chile ist nach mehr als zwei Monaten frei.

Die Angehörigen der Männer sprangen vor Freude in die Luft, als Bohrarbeiter den Durchbruch des Schramm-Bohrers zu einem Werkstattraum in etwa 620 Meter Tiefe meldeten, zu dem die 33 Bergleute Zugang haben.

Im Lager Esperanza (Hoffnung) bei der Mine San José in der Atacama-Wüste brachen Angehörige der Verschütteten in Jubel aus, fielen sich weinend in die Arme und riefen: «Chi, Chi, Chi, Le, Le, Le», den chilenischen Schlachtruf bei sportlichen Wettkämpfen. Luftballons in den Nationalfarben blau, weiß, rot schwebten durch den klaren Morgen, an dem die letzte und entscheidende Phase der dramatischen Rettung der Männer begann.

Als die Bohrmannschaften mit ihrem schweren Gerät durch das Lager rollten, wurden sie mit einer kleinen Siegesparade verabschiedet. Hunderte Menschen, darunter viele Angehörige der Verschütteten, aber auch viele Journalisten, klatschten den Männern lange Beifall und ließen sie hochleben. Lastwagen, ein fahrbarer Bohrer und weitere Begleitfahrzeuge fuhren unter ohrenbetäubendem Hupen durch das Lager. «Cumplimos» (Aufgabe erfüllt) war auf die Kotflügel gemalt. Die Angehörigen riefen: «Vielen Dank, ihr seid Helden».

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte laut einer Mitteilung in Berlin: «Ich freue mich mit den eingeschlossenen Bergleuten und Familien, dass die Rettung nach dem geglückten Bohrvorstoß in greifbare Nähe rückt. Ich hoffe, dass die langen Tage und Wochen des Bangens und Wartens nun bald ein glückliches Ende haben», fügte der Minister hinzu.

Der Bohrer vom Typ Schramm T-130 hatte sich nach dem Wechsel eines Bohrkopfs nur noch vorsichtig und langsam in die Tiefe gefräst, um die Decke des Werkraums nicht zum Einsturz zu bringen. Die Spannung im Camp Esperanza, in dem Angehörige der Eingeschlossenen seit Wochen zelten, entlud sich in einer Explosion aus Freude und Jubel. Die Sirenen der Bohrarbeiter und von Polizeiautos heulten und ein Lehrer der Behelfsschule für die Kinder unter den Angehörigen schlug unermüdlich etwa eine halbe Stunde lang die Schulglocke.

Zuvor hatten die Familien aber auch laut Unmut über die stündlich wachsende Zahl von Journalisten aus aller Welt geäußert. «Halt' mir bloß die Journalisten vom Leib», sagte eine Frau. «Ich will, dass das hier endlich vorüber ist», sagte ein anderer Angehöriger eines der Bergleute.

Nach dem Durchbruch wird es vermutlich noch mehrere Tage dauern, bis die eigentliche Bergungsaktion beginnt. Der Start hängt entscheidend davon ab, ob die Schachtwände für den Transport der Kumpel in einer Rettungskapsel verstärkt werden müssen.

Bergbauminister Laurence Golborne sagte, nach dem Durchbruch könne es bis zum Beginn der Rettung noch zwischen drei und acht Tagen dauern. «Wir haben immer noch niemanden gerettet.» Er rief jedoch auch «Viva Chile», es lebe Chile. Die Bergarbeiter seien «sehr ruhig», «viel ruhiger als die Presse», witzelte Golborne. Gesundheitsminister Jaime Mañalich hatte zuvor erklärt, die Rettung sei ab Dienstag möglich.

Möglicherweise muss der Schacht an seinem unteren Ende mit einer Sprengung vergrößert werden, damit die vier Meter lange «Phönix»- Stahlkabine in den Stollen passt und je ein Arbeiter in sie einsteigen kann. Mindestens fünf der Kumpel hätten eine Spreng- Lizenz, sagte der Chef des Rettungsteams, André Sougarret.

Auf dem Gelände bei der Mine rund 800 Kilometer nördlich der Hauptstadt Santiago trafen immer mehr Journalisten aus aller Welt ein. Auch Chiles First-Lady Cecilia Morel besuchte das Bergwerk am Vortag. Ihr Mann, Präsident Sebastián Piñera, und auch Boliviens Staatschef Evo Morales wurden spätestens dann erwartet, wenn die Männer an die Oberfläche gezogen werden. Einer der 33 Kumpel ist Bolivianer.

Die Kumpel bereiten sich in der Tiefe weiter vor auf die Rettung und die Tage danach, vor allem auf den Medienansturm. Den meisten gehe es gut, aber bei einigen sei Nervosität und ein zu hoher Puls festgestellt worden, sagte Mañalich. Um die Kumpel vor den Journalisten abzuschirmen, wenn sie ihre Frauen, Kinder und Geschwister wiedersehen, stehen für sie Ruheräume zur Verfügung.

Notfälle / Chile
09.10.2010 · 18:48 Uhr
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