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Femen - Zwischen Nackt-Demos, Prügel und Knast

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Die Fakten

Die ukrainische Feminismus-Gruppierung Femen wurde 2008 in Kiew gegründet. In der Öffentlichkeit ist sie vor allem für ihre provokanten Oben-Ohne-Proteste bekannt. Bunt, radikal und nackt: Nur so ließe sich Aufmerksamkeit generieren und etwas verändern, sind sich viele der Mitglieder sicher. Es ist Risiko und Chance zugleich, denn wer sich freimacht zieht zwar den Zorn der Staatsgewalt, aber auch die Objektive der Medien auf sich - ein mittlerweile unentbehrlicher Schutzmechanismus für die Frauen.

Aktuell gehören Femen etwa 40 Nackt- und 300 bekleidete Aktivistinnen an. Von der ukrainischen Justiz wird die Organisation nicht als solche anerkannt, weil sie die Rechte der Frauen über die der Männer stellen und deshalb als die öffentliche Ordnung störend eingestuft werden könne. Laut eigenen Angaben laufen derzeit acht Verfahren gegen Femen. Bei Vollstreckung könnten viele der Frauen innerhalb kurzer Zeit im Gefängnis landen. Sie selbst glauben vom Geheimdienst systematisch überwacht zu werden.

Die Frauen

Gründerin Anna Gutzol (27) hält die Fäden in der Hand, managte einst Rockgruppen auf Tour. Sie rief Femen ins Leben, um jungen Ukrainerinnen eine Stimme zu geben. Neben ihr ist Inna Schewtschenko das prominenteste Gesicht der Organisation. Die aus der Hafenstadt Cherson stammende 21-Jährige hat Publizistik studiert und landete für ihre Protestaktionen schon mehrfach hinter Gittern. Weil Femen nicht anerkannt ist, kann die Gruppe Demonstrationen nicht offziell anmelden und ist deshalb der Willkür der Ordnungskräfte ausgesetzt.

Neben Schewtschenko gibt es noch drei weitere Anführerinnen: Yana Zhdanova, Alexandra Schewtschenko und Oksana Schatschko. Sie allen leben für den Protest, haben ihre Jobs verloren. Geld für ihre Proteste verdienen sie über den Verkauf von T-Shirts und anderen Fanartikeln sowie über Spenden.

Die Themen

Femen setzt sich in erster Linie für die Stärkung von Frauenrechten ein. Die Aktivistinnen demonstrieren gegen Sexismus und Sextourismus - und das nicht nur in ihrer Heimat Ukraine. Auch gegen Silvio Berlusconi in Italien und Dominique Strauss-Kahn entblätterten die Feministinnen sich bereits öffentlichkeitswirksam. In Deutschland sorgten sie jüngst auf der Hamburger Reeperbahn für Aufsehen.

Auf der Agenda von Femen stehen außerdem Menschenhandel, Korruption und Wahlfälschungen, weshalb sie auch schon Nachbarland Russland und dessen Präsidenten Wladimir Putin angriffen. Selbstredend ist ihnen das autoritäre Regime des eigenen Staatsoberhauptes Viktor Janukowitsch ein Dorn im Auge. Die EM 2012 wollte Femen als internationale Bühne nutzen, um auf Missstände vor Ort aufmerksam zu machen.

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Die Euro-Aktionen

Bereits vor Beginn des sportlichen Großereignisses im eigenen Land trugen die Frauen von Femen ihre Botschaft zur EM in die Welt: Mit dem Spruch «Fuck Euro 2012» auf der blanken Brust machte eine der Aktivistinnen Mitte Mai Schlagzeilen, als sie - als Touristin getarnt - zum ausgestellten EM-Pokal in Kiew vordrang, sich entblößte und versuchte, die Trophäe mitzunehmen. Sie wurde von Sicherheitskräften überwältigt. Ende Mai wiederholte sich das Szenario in Lemberg, dann noch einmal in Dnipropetrowsk.

Femen befürchtet, dass durch die EM die Sex-Industrie im Land nur noch weiter angekurbelt werde - nicht nur eine Erniedrigung für betroffene Ukrainerinnen, sondern auch ein gesundheitliche Gefahr. Denn die Ukraine ist das Land mit den meisten HIV-Neuinfektionen in Europa. Gegen Zwangsprostitution ging Femen daher mehrfach vor den großen Stadien der Ukraine und Polen, vornehmlich in Kiew und Warschau, auf die Barrikaden. Die Demos wurden meist innerhalb weniger Minuten unsanft beendet.

Nicht nur unsanft, sondern regelrecht gewaltsam sollen drei Aktivistinnen Mitte Juni inmitten der EM bei einer geplanten Protestaktion verschleppt und verhört worden sein. Das zumindest werfen die Frauen den Behörden im Spielort Donezk vor. Die Polizei bestätigte lediglich zwei kurzzeitige Festnahmen. Dennoch erinnerte der Vorfall an eine Situation in Weißrussland, wo Femen-Mitglieder Ende 2011 gegen den dortigen Machthaber Alexander Lukaschenko demonstriert hatten, anschließend gekidnappt und bedroht worden waren. Damals kamen sie nur auf Hinwirken des ukrainischen Außenministeriums frei.

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Die Wahrnehmung

Auch wenn die Themen, die sich Femen auf die Fahnen schreibt, auf breite Zustimmung treffen dürften, kommt ihre Art der Propaganda nicht bei allen gut an. Die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko bewertet die Nackt-Proteste kritisch. «Die Ziele von Femen finde ich ehrenwert, aber ihre Aktionen sehe ich skeptisch», sagte sie in einem Interview mit dem Tagesspiegel. Der nackte Körper sei ein sehr starkes Bild und habe auch eine gewisse Tradition im Feminismus. Doch Sabuschko glaubt, «wer es überreizt, erzielt den gegenteiligen Effekt».

Dass man sich an den barbusigen Aktionen von Femen irgendwann satt gesehen hat und sie nur noch als jene popkulturellen Feministinnen wahrnehmen könnte, die sich dauernd ausziehen, aber mehr nicht - das befürchten viele. Deutschlands Ur-Feministin Alice Schwarzer, die ihre Zeitschrift Emma Anfang des Jahres mit den nackten Ukrainnerinnen betitelte, zeigt sich im Gespräch mit dem Goethe Institut allerdings wenig besorgt: «Sie protestieren gegen Frauenkauf und Prostitution - und tun das mit entblößtem Busen und stolzen Gesichtern. Das ist die neue Ironie. Die finde ich interessant.»

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Die Zukunft

Um sich Gehör zu verschaffen, werden die Femen-Aktivistinnen weiter mit blankem Busen für ihre Anliegen werben. «Wir planen, die größte und einflussreichste feministische Bewegung in Europa zu werden», steht auf ihrer MySpace-Seite. Dabei scheint Europa schon nicht mehr genug zu sein. Nächstes erklärtes Ziel ist der Nahe Osten. Auch dort wollen sie für mehr Gleichberechtigung kämpfen. Einen ersten Vorgeschmack darauf gab es im April in Paris, als die Frauen unter dem Slogan «Muslim Women, let's get naked» (Muslimische Frauen, zieht euch aus) sogenannte Burkas symbolisch von sich warfen. Im Iran müssten sie dafür wohl mit weit mehr als Gefängnis rechnen.

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[news.de] · 30.06.2012 · 07:20 Uhr
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