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Feature: «Es ist bald da» - Küstenbewohner fürchten das Öl

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Washington (dpa) - Die Gefahr ist bereits zu riechen, meint Kevin Drury. «Öl», sagt der Krabbenfischer aus dem Mississippi-Delta am Donnerstag. Er will es nach dem Aufstehen sofort gerochen haben. «Du siehst nichts, du hörst nichts - aber klar ist: Es ist bald da.»

Fischer Drury, seine Kollegen und die anderen Leute rund um den Küstenort Venice sind hilflos. Die Menschen an der Küste von Louisiana wappnen sich gegen den nahenden Ölteppich. Und es wird eng: Schon am Freitagabend könnte er da sein. Die US-Regierung sieht seit Donnerstag eine Katastrophe mit nationalen Auswirkungen. Louisianas Gouverneur rief in seinem Staat den Notstand aus.

Mit Booten, Flugzeugen und technischem Verstand arbeiten Firmen und Regierung daran, das Schlimmste zu verhindern. Der Ölteppich soll nicht die empfindlichen Naturgebiete an der Küste erreichen. Die Regierung ist sogar bereit, dafür die Armee einzusetzen.

«Das wäre eine Option, um genügend Einsatzkräfte zusammenzubekommen», sagt Cory Mendenhall von der Küstenwache in der Ortschaft Robert. Gebraucht werde einfach jeder Helfer, um die Küste vor dem nahenden Film aus Öl und Wasser abzuriegeln. Der sich stetig verändernde Ölteppich erreichte bis Donnerstagmittag Ausmaße von bis zu 72 mal 169 Kilometern. «Wir können hier nichts anderes tun, als Barrieren auszulegen», sagt Mendenhall. Rund 53 Kilometer der dicken Plastikwürste in Gelb-Orange schwimmen bereits auf dem Meer. «Sie blocken den Ölfilm auf der Oberfläche ab, aber das Wasser kann drunter durch», erklärt der Sprecher der Küstenwache.

Am Donnerstag sollten weitere Teile des Ölfilms abgefackelt werden, aber das Wetter machte zunächst einen Strich durch die Rechnung. Experten hatten am Vortag die erste Parzelle des Ölteppichs abgetrennt und kontrolliert in Brand gesetzt. Unklar blieb aber, wie viele Flicken des Ölteppichs abgeflammt werden können, ohne dass die Rußwolken die Luft zu sehr verpesten.

Unterdessen versuchen Ingenieure des Ölkonzerns BP mit aller Macht, die Lecks an der Zuleitung zu dichten. Am Mittwoch war noch eine dritte undichte Stelle entdeckt worden. BP-Chef Tony Hayward hofft gleichzeitig auf eine 1000 Tonnen schwere Stahlkuppel, die über das Bohrloch gestülpt werden soll. Darin sollen austretendes Öl, Gas und damit vermischtes Meerwasser gesammelt und dann in Lagerbehälter unter Wasser geleitet werden.

Doch eine schnelle Lösung wäre dies nicht: Die Kuppel könnte zwar schon am Wochenende fertig werden. Jedoch brauchte es nach Berechnungen der Experten zwei bis vier Wochen, um sie richtig zu platzieren. Fraglich, so Hayward zur «Washington Post», sei es sowieso, ob der Plan aufgeht: Niemals zuvor wurde diese Technik in 1500 Metern Tiefe ausprobiert.

An diesem Freitag will der Ölkonzern außerdem damit beginnen, einen Nebenzugang zum Hauptbohrloch zu legen, um den Öl-Ausfluss aus den bestehenden Lecks zu drosseln. Bis auch das greift, würde es Wochen dauern. Während der Konzern mit dem Finger auf den Plattform- Betreiber Transocean zeigt, betont er täglich, dass er weder Kosten noch Mühen scheue, um die Katastrophe abzuwenden. Rund 4,5 Millionen Euro (6 Millionen US-Dollar) kosteten ihn allein die Öl- Säuberungsmaßnahmen pro Tag. Unter den Firmen, die BP angeheuert hat, ist auch eine, die auf die Rettung von Küstenvögeln spezialisiert ist.

Vögel sind neben Garnelen und Muscheln die Hauptbewohner des zunächst bedrohten Küstenstreifens. «Menschen leben dort nicht», erklärte Damon McKnight, der in Venice Hochseefischerei-Touren veranstaltet. Gut sechs Kilometer von der Küste entfernt wollte einer seiner Kapitäne am Donnerstag bereits den ersten rostbraunen Fleck auf dem Meer entdeckt haben. Die Küstenwache erklärte dagegen, der Ölteppich sei noch rund 25 Kilometer entfernt.

«Gerade jetzt, wo die Saison beginnt, wäre es für uns eine Katastrophe, wenn das Öl die Küste erreicht», sorgt sich Krabbenfischer Drury. Ihn ärgert vor allem, dass noch niemand ihn und seine Kollegen um Hilfe gebeten hat. «700 Fischer und ihre Angehörigen haben der Küstenwache angeboten, beim Verlegen der Sperren mit anzupacken», sagt er. «Sie kennen die Region. Sie haben Boote; stattdessen bringen sie lieber Helfer aus dem Norden her, die sich hier unter überhaupt nicht auskennen.»

Unfälle / USA
30.04.2010 · 23:11 Uhr
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