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Fall Jennifer: Personelle Konsequenzen möglich

Mädchen jahrelang eingesperrtGroßansicht
Prenzlau (dpa) - Neun Jahre war sie vom Leben ausgesperrt: Das Schicksal der 13-jährigen Jennifer aus Brandenburg und die schweren Versäumnisse im Jugendamt haben die Kinderschutz-Debatte neu entfacht. Experten sind über Fehler der Behörden entsetzt und der Kreis prüft personelle Konsequenzen.

Landrat Klemens Schmitz (parteilos) sprach am Donnerstag von «individuellem Versagen» im Jugendamt und kündigte eine lückenlose Aufklärung bis Ende August an. Zugleich forderte er verpflichtende ärztliche Untersuchungen von Kleinkindern. «Es dürfen keine Kinder mehr durch das Raster fallen.»

Das Potsdamer Bildungsministerium schließt nicht aus, dass die 2006 mit den Kommunen verabschiedeten «Empfehlungen zur Verbesserung des Kinderschutzes» überprüft werden. Die Deutsche Kinderhilfe beklagte das Scheitern des geplanten bundesweiten Kinderschutzgesetzes. Das werde dazu führen, dass weiterhin zu viele Kinder Opfer von Gewalt und Vernachlässigung werden.

Die 13-jährige geistig behinderte Jennifer soll von ihren Eltern seit neun Jahren zu Hause versteckt worden sein. Erst nach einem anonymen Hinweis Mitte Juli wurde das Kind, das laut Schmitz Windeln trug und autistische Verhaltensweisen zeigte, aus dem Haus geholt. Gegen die Eltern wird ermittelt.

Der Landrat kritisierte, dass das Jugendamt 2006 von Jennifer erfahren, aber nicht gehandelt habe. Der Mitarbeiter habe bei einem Besuch der Familie keine Gefährdung für das Wohl des autistischen Kindes gesehen. «Er stellte aber fest, dass die Familie im Blick behalten werden muss.» Dies habe der Mitarbeiter nach eigenem Bekunden auch im Jugendamt weitergereicht. «Und dann ist die unvorstellbare Informationslücke entstanden.»

Nach Auskunft von Kreissprecherin Ramona Fischer hatte sich das Jugendamt bei dem Besuch 2006 mit der Erklärung der Eltern abgefunden, das Mädchen sei vom Schulbesuch befreit. Laut Bildungsministerium ist eine Schulpflicht-Befreiung in Brandenburg nicht möglich.

Kritik am Verhalten des Jugendamtes kam auch von der Leiterin des Sozial-Therapeutischen Instituts Berlin-Brandenburg, Annelie Dunand. Dessen nicht fachkompetentes Handeln sei allerdings durch Jennifers Eltern begünstigt worden. Diese hätten jahrelang gezielt ihr Umfeld manipuliert. «Sie haben absichtsvoll Strategien entwickelt, damit ihr eigenes Fehlverhalten nicht an die Öffentlichkeit dringt», betonte Dunand. Sie forderte eine bessere Schulung der Jugendamts- Mitarbeiter.

Als unverantwortlich bezeichnete Dunand, dass die beiden Geschwister von Jennifer bislang bei den Eltern bleiben dürften. Kreissprecherin Fischer betonte, ein Mitarbeiter des Jugendamtes stehe im Kontakt mit der Familie. Die 13-jährige Jennifer befindet sich im Krankenhaus Eberswalde.

Die Deutsche Kinderhilfe beklagte in einer Mitteilung, dass Ende Juni der von der Bundesregierung geplante bessere Schutz für Kinder aus Problemfamilien gescheitert ist. Laut Kinderhilfe werden schätzungsweise 100 000 Kinder in Deutschland misshandelt. «Zum Handeln hat dies die Politik immer noch nicht bewegt.»

Kriminalität / Kinder
30.07.2009 · 17:47 Uhr
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