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Experte: «Stresstests werden nicht alles lösen»

Frankfurt/Main (dpa) - Kurz vor Veröffentlichung der Stresstest- Ergebnisse hat Bankenexperte Udo Steffens vor überzogenen Erwartungen gewarnt. Der Stresstest werde nicht «auf einmal alles lösen».

Denn er sei nur ein Teil der Antwort auf die Frage, wie es zu schaffen sei, «wieder ein vitales und vertrauenswürdiges Banksystem in Deutschland und in Europa herzustellen», sagte der Wissenschaftler von der Frankfurt School of Finance der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX am Freitag.

Die Aussagekraft des Tests sei beschränkt, «weil wir durchaus wissen, dass die Kriterien nicht die härtesten aller Welten sind». Die Testergebnisse der europäischen Aufsichtsbehörde CEBS sollten am Abend um 18.00 Uhr veröffentlicht werden.

Dem Experten zufolge sind die Interessen von Bankenvertretern und Regierungen ziemlich ähnlich: «Die Bankwirtschaft ist so etwas wie eine Infrastruktur - wie Straßen und Brücken. Und die Politik hat wenig Interesse, darüber zu reden, dass vielleicht große Löcher in diesen Straßen sind», erklärte Steffens. Denn über die Infrastruktur liefen die Finanzströme, und wenn diese versiegten, bekomme nicht nur die Finanzindustrie nachhaltige Probleme. Daher seien die Regierungen durchaus interessiert, die Stresstest-Szenarien moderat zu halten, «und das ist auch passiert».

Die Bankenbranche hatte sich vor den Tests vehement gegen die Veröffentlichung der Ergebnisse gewehrt. «Die Interessenvertreter der Bankindustrie wollen hier Übel abwehren. Sie sagen: ,Wenn Ergebnisse uneindeutig kommuniziert werden und spekuliert wird, kann das in eine falsche Richtung gehen'.»

Dabei sieht Steffens durchaus einen Nutzen der Tests. Es könne mehr Transparenz geschaffen werden, was das Vertrauen in europäische Banken stärken könne. «Man wird an den Reaktionen der Märkte in den nächsten Wochen sehen, ob das erreicht worden ist.»

Steffens sieht den Test außerdem als Chance dafür, die Diskussion über eine Neuordnung des Landesbanken-Sektors weiterzuführen. Die «Wunde der in Problemen steckenden Landesbanken» müsse geheilt werden. Außerdem gelte es, mit einer Zusammenfassung der einzelnen Institute zu beginnen.

Auch sollte erwogen werden, die Tests zu wiederholen: «Es ist ein Stück weit auch eine Beruhigungspille für die Öffentlichkeit», sagte Steffens. Denn alle wüssten, «dass in der Bankindustrie auch in der Bundesrepublik nicht alles in Ordnung ist» - auch wenn die zuletzt positiver ausgefallenen Quartalsberichte ein anderes Bild zeichneten. «Es ist noch ein dünnes Eis, auf dem die Banken gehen, und ich glaube, es sollte im Interesse aller sein, dieses Eis wieder dicker zu machen.»

Gespräch: Annika Graf, dpa-AFX

Banken / Finanzen
23.07.2010 · 23:07 Uhr
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