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Experte: Schwere Traumatisierungen sind Ausnahmen

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Berlin (dpa) - Für viele der Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei der Loveparade war das Unglück in Duisburg das erste schlimme Erlebnis im Leben überhaupt.

Professor Johannes Hebebrand, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am LVR-Klinikum an der Universität Duisburg-Essen, gab der Nachrichtenagentur dpa Auskunft über die möglichen Folgen.

Was ist in der ersten Zeit das Wichtigste für die Betroffenen?

Hebebrand: «Wir wissen, dass nach solch einem Erlebnis erst mal der Wunsch nach Schutz und Geborgenheit da ist. Da geht es zunächst um eine ganz grundsätzliche primäre Versorgung, mit Wasser und Nahrung zum Beispiel. Es geht um das Gefühl: Ich bin außerhalb der Gefahrenzone, mir kann nichts mehr passieren.»

Sollte auf eine rasche therapeutische Behandlung gedrängt werden?

Hebebrand: «Man muss nicht unbedingt sofort alles therapeutisch aufarbeiten wollen. Da sind ganz individuell für jeden verschiedene Schritte am Besten, in der Familie Ruhe zu finden oder bei Freunden zum Beispiel. In einem Ruheraum jedenfalls, der Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Und wenn jemand nicht sofort über das Geschehene reden will, sollte man da auch nicht initial insistieren. Psychische Auffälligkeiten wie Gereiztheit, Schlafstörungen und Weinerlichkeit können als normale Reaktionen in den ersten Tagen nach einem solchem Ereignis angesehen werden.»

Ist mit besonders dramatischen Folgen für die Psyche zu rechnen, weil viele der Betroffenen so jung sind?

Hebebrand: «Der Übergang vom Jugendlichem zum jungen Erwachsenen ist fließend, da gibt es keinen Zeitpunkt, zu dem das grundsätzlich anders zu beurteilen wäre, zumindest in der Altersspanne von 15 Jahren an. Es hängt auch sehr von der persönlichen Entwicklung und dem sozialen Umfeld beziehungsweise Unterstützung ab, wie so ein Ereignis verarbeitet wird.»

Wie hoch ist das Risiko einer Traumatisierung?

Hebebrand: «Dass es ein sehr schwer zu verarbeitendes Ereignis ist, steht außer Frage. Grundsätzlich ist es aber so, dass nicht jeder, der so einem Ereignis ausgesetzt ist, eine schwere Traumatisierung in psychiatrischem Sinne aufweist. Das betrifft nur eine kleine Untergruppe, dass typische Symptome wie immer wiederkehrende Gedanken und Erregungszustände über längere Zeit anhalten. Manchmal nützt auch ein Gespräch mit einem entsprechend vorgebildeten Psychotherapeuten wenige Tage nach einem solchen Ereignis, um sich selbst Klarheit über das Ereignis und die jeweiligen persönlichen Reaktionen hierauf zu verschaffen.»

Was ist bei solchen Symptomen zu tun?

Hebebrand: «Dann ist fachgerechte Hilfe zu suchen. Im Einzelfall kann es auch verzögert noch zu ernsten Problemen kommen. Dafür gibt es in vielen Orten Traumaambulanzen als geeignete Anlaufstellen. Diese fachkundige Hilfe sollte man dann auch unbedingt suchen, wenn man merkt, man schafft es nicht, wieder Fuß zu fassen.»

Werden sich bei einigen Betroffenen Phobien gegen Tunnel oder Menschenansammlungen entwickeln?

Hebebrand: «Das war eine Situation, die lebensbedrohlich auf die Betroffenen eingewirkt hat. Sie standen ja so beengt, dass das Gefühl entstand, nicht mehr atmen zu können. Das ist natürlich sehr beängstigend. Da kann man sich vorstellen, dass manche der Leute künftig große Probleme haben werden in großen Menschenansammlungen. Solche Vermeidungsreaktionen werden dann zum Problem, wenn sie den Alltag beherrschen. Derartige Störungen lassen sich dann in der Regel gut behandeln.»

Notfälle / Loveparade
27.07.2010 · 11:30 Uhr
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