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Exorzismus in Deutschland - Weiche, Satan, aus diesem Land!

«Und befreie uns von dem Bösen»: In jedem Vaterunser, das der Gläubige betet, wird der Teufel ausgetrieben. Denn das Böse gehört zur Kirche ebenso wie das Gute, es sind natürliche Gegenspieler. Doch wenn sich Menschen vom Bösen besessen fühlen, werden die Heilungsmethoden umstritten. 1976 endete die berühmteste Teufelsaustreibung der Bundesrepublik mit dem Tod der 23-jährigen Anneliese Michel.

Marcus Wegner, 41, recherchiert seit Jahren zum Exorzismus in Deutschland, 2009 hat er ein gleichnamiges Buch veröffentlicht, ein Nachfolger ist in Arbeit. Der gläubige Christ sagt: Der Exorzismus feiert seine Renaissance in der Bundesrepublik, jeden Tag würden ein Dutzend Teufelsaustreibungen stattfinden.

Herr Wegner, viele kennen Teufelsaustreibungen aus Filmen wie Der Exorzist, Requiem oder Der Exorzismus der Emily Rose. Was ist denn ein Exorzismus in der Kirchenpraxis?

Wegner: Ich durfte bislang an 60 bis 70 Teufelsaustreibungen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und Polen teilnehmen. Zuerst wird meistens ein stilles Gebet gesprochen, dann betet der Priester laut - etwa: «Weiche, Satan, weiche aus diesem Körper». Ich habe Exorzismen erlebt, wo die Teufelsaustreiber die vermeintlich Besessenen angeschrien, ja sogar auf dem Boden liegend getreten haben. Die meisten Exorzismen der katholischen Kirche finden in Deutschland heute illegal statt, also ohne die Genehmigung des Bischofs. Das ist gefährlich.

Es gibt heute also auch offizielle Exorzismen in Deutschland?

Wegner: Ja. Die Bistümer haben ihre Ansprechpartner, die zum Einsatz kommen, wenn der Bischof einen Exorzismus genehmigt - konkret beim Erzbistum Paderborn, beim Bistum Augsburg und beim Erzbistum München/Freising. Im Jahr 2010 wurde noch im Bistum Augsburg vom umstrittenen Bischof Walter Mixa eine Teufelsaustreibung genehmigt. Zudem hatte Mixa Kenntnis von zahlreichen geheimen Exorzismen. Der offizielle Weg ist ein sehr bürokratischer und langwieriger, deshalb werden viele Exorzismen illegal durchgeführt. Die deutschen Bischöfe fürchten die Auseinandersetzung mit dem Exorzismus mehr als der Teufel das Weihwasser.

Wie oft finden in Deutschland Teufelsaustreibungen statt?

Wegner: Wir haben ein starkes Nord-Süd-Gefälle: Je weiter man in den Süden Deutschlands kommt, desto häufiger glauben Menschen, vom Bösen besessen zu sein. Meist sind es Frauen, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden. Im Rahmen der katholischen Kirche finden täglich etwa zwei Exorzismen in Deutschland statt. Im Rahmen der evangelischen Kirche sind es drei bis vier pro Tag, vor allem durch die Freikirchen. Und wir haben im Schnitt täglich eine Teufelsaustreibung im Rahmen des Islam. Was wirklich boomt, ist die freie Exorzisten-Szene im Esoterik-Bereich, dort haben wir fünf bis sechs Teufelsaustreibungen pro Tag.

Wann fühlt sich jemand besessen? Was können Gründe dafür sein?

Wegner: Besonders an Feiertagen wächst die Zahl derer, die bei einschlägig bekannten Priestern um einen Exorzismus bitten. Ob Ostern oder Weihnachten: Viele Menschen sind allein, kompensieren ihre Einsamkeit und machen jemand anderes dafür verantwortlich. Die katholische Kirche hat Kriterien entwickelt, wann jemand als besessen gilt: Dazu gehört ein abgrundtiefer Hass auf alles Religiöse, übermenschliche Kräfte oder das Sprechen in fremden Sprachen. Das aber sind Kriterien, die psychologisch erklärbar sind. Diese Trance- und Besessenheitszustände werden meist durch drei Erkrankungen hervorgerufen: dissoziative Persönlichkeitsstörungen, Schizophrenien und Epilepsien.

Hilft ein Exorzismus den «Besessenen»?

Wegner: Ein Exorzismus ist ein einfaches Ritual - im Gegensatz zu einer Psychotherapie, bei der hart an sich gearbeitet werden muss. Das ist vielen zu anstrengend. Ich sage immer: Besessene sind besessen von ihrer Besessenheit! Und beide, Exorzisten wie Exorzierte, brauchen eine Legitimation, dass der Teufel existiert. Wir haben aber bisher keinen konkreten Beweis. Die «Besessenen» sind eigentlich in einer Art Trancezustand, der endet, sobald der Priester fertig gebetet hat. Danach fühlen sie sich für kurze Zeit meist besser.

Wie geht die Kirche vor, wenn sich jemand für besessen hält?

Wegner: Menschen, die sich für besessen halten, sollen zunächst an einen Psychotherapeuten verwiesen werden. Viele Priester halten sich daran. Aber innerhalb der Kirche ist ein inoffizieller Wildwuchs entstanden: Einige wenige Priester, die in Rente sind, haben einen vollen Terminkalender. Sie führen die Exorzismen durch, obwohl sie ihren jeweiligen Bistümern ein Dorn im Auge sind. Übrigens: Es gibt aber auch katholische Priester, die eine gute Art von Exorzismen - im Sinne eines Befreiungsgebetes - durchführen. Nämlich still und leise.

1976 erregte der Exorzismus-Fall der Anneliese Michel Aufsehen. Das Mädchen starb an Unterernährung, nachdem es mehrere Dutzend Teufelsaustreibungen hinter sich hatte. Danach hielt sich die Kirche zurück. Erleben wir nun eine Renaissance der Teufelsaustreibung?

Wegner: Nein, die Kirche hat einfach nur nach dem Fall Michel dicht gemacht. Denn die Kirche braucht das Böse. Das Gute kann nicht allein stehen. Selbst die Teufelsaustreiber, die Frau Michel damals exorziert haben, machten - noch ehe die Tote begraben wurde - an anderen Orten mit Exorzismen fleißig einfach weiter. Obwohl erwiesen ist, dass Anneliese Michel an Epilepsie und Schizophrenie litt, wird sie verehrt wie eine Heilige - als Märtyrerin, die mit dem Teufel gekämpft hat.

Sind Sie selbst gläubig?

Wegner: Ja. Ich bin Mitglied der katholischen Kirche und will es auch bleiben. Ich finde, dass ich gerade als Katholik diese Missstände anprangern darf und anprangern muss. Die Frohbotschaft wird zur Drohbotschaft degradiert. Wenn Jesus die Menschen lehrt zu beten «Erlöse uns von dem Bösen...», will er lehren, Gott möge uns von unseren Ängsten befreien, die uns auf menschlich gesehen furchtsame Weise immer wieder das tun lassen, was wir im Tiefsten unseres Herzens gar nicht tun wollen. Ob es den Teufel nun gibt oder nicht, ist eine Glaubensfrage, die sich jeglichen Beweises und Gegenbeweises entzieht. Ich habe noch keinen Teufel gesehen, aber Menschen erlebt, die aus sich heraus unfassbar teuflisch agierten. Ja, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die ich mir nicht erklären kann.

[news.de] · 05.04.2012 · 15:27 Uhr
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