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Ex-Rocker packt aus - Minister für hartes Durchgreifen

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Berlin (dpa) - Ein abtrünniger Rocker hat als Kronzeuge Einblick ins Innenleben der Hells Angels gegeben und schwere Vorwürfe gegen den Hannoveraner Banden-Chef Frank Hanebuth erhoben.

Dieser habe eine zentrale Rolle im Norden gespielt und auch die Ermordung eines Türken in Kiel in Auftrag gegeben, sagte der frühere Präsident der inzwischen aufgelösten Kieler Rockergruppe Legion 81, einer Art Hilfstruppe der Hells Angels, vor dem Kieler Landgericht. Hanebuth wies die Vorwürfe zurück: er kenne diesen Mann gar nicht. Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Lorenz Caffier (CDU), sieht ein bundesweites Verbot von Rockerclubs näher rücken.

Viele Anzeichen sprächen dafür, dass es eine intensive Vernetzung der Clubs untereinander gebe, sagte Caffier am Donnerstag am Rande der Innenministerkonferenz in Göhren-Lebbin (Mecklenburg-Vorpommern). Belastbare Beweise lägen aber noch nicht vor. In den vergangenen Tagen hatte es in zahlreichen Städten groß angelegte Aktionen der Polizei gegen die Rockerbanden gegeben.

Auch aus Sicht des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) mehren sich die Hinweise auf bundesweite Verstrickungen. «Die führenden Köpfe kennen sich von Präsidententreffen, bei denen Reviere untereinander aufgeteilt werden», sagte BDK-Chef André Schulz der Nachrichtenagentur dpa. «Dabei kennen Rocker keine Landesgrenzen.»

«Bei den Hells Angels kann man davon ausgehen, dass der hannoversche Clubpräsident Frank Hanebuth der führende Kopf in Deutschland sein dürfte», sagte Schulz. «Nach unserem Kenntnisstand werden in den regionalen Hells-Angels-Ablegern keine wichtigen Entscheidungen getroffen, die Hanebuth nicht abgenickt hat.»

In Kiel sagte der Kronzeuge aus, Hanebuth habe die Ermordung des Türken in Auftrag und zur Ausführung grünes Licht gegeben. Vom Mord habe er auf einer Weihnachtsfeier 2010 erfahren, als er in den inneren Führungszirkel der Kieler Hells Angels aufgenommen worden sei. Hells Angels hätten den Mann vor seinem Tod lange gequält. Zum Motiv für den Auftragsmord sagte der Ex-Rocker, der Türke sei in Ungnade gefallen. Es sei um Waffengeschäfte, Prostitution und viel Geld gegangen. Im übrigen habe es ein Kopfgeld für den Türken gegeben, der selber einen Kurden getötet haben soll. Dessen Vater soll 100 000 bis 150 000 Euro ausgelobt haben. Das Geld sei später gezahlt worden, er wisse aber nicht, wie viel, sagte der Kronzeuge.

Die Polizei sucht seit einer Woche in einer Lagerhalle in Altenholz bei Kiel nach Überresten der Leiche. Der Türke ist vor zwei Jahren spurlos verschwunden.

Hanebuths Anwalt, Götz von Fromberg, sagte der Nachrichtenagentur dpa zu den Vorwürfen des Kronzeugen: «Sofern es um Herrn Hanebuth geht, sagt er die Unwahrheit.» Der hannoversche Hells-Angels-Chef kenne den Mann gar nicht, der in Kiel ausgesagt habe. Aufgrund der Angaben des Ex-Rockers durchsuchten in der vergangenen Woche Spezialkräfte der Polizei Hanebuths Privathaus.

Die «Bild»-Zeitung (Freitag) zitiert Hanebuth selbst: «Der Typ ist geisteskrank! Ich kenne den überhaupt nicht. Ich verstehe nicht, wie einer mit so einer Latte an Anklagepunkten überhaupt Kronzeuge werden kann. Der erzählt eine Riesengeschichte, um sich zu retten.» Er habe weder mit Finanzen in Kiel noch mit Waffen etwas zu tun.

Der Angeklagte vor Gericht sagte indes, Hanebuth habe auch über «Hausbesuche» der Hells Angels entschieden: «Das heißt in unserer Sprache, dass auf jemanden geschossen oder die Kniescheibe kaputtgehauen wird.» Im Endeffekt werde der Tod des Opfers in Kauf genommen.

Der Kronzeuge, der selber wegen Zuhälterei und schwerer Körperverletzung angeklagt ist und mit schusssicherer Weste auftrat, kann mit einem geringeren Strafmaß rechnen. Er nannte zahlreiche Namen von Rockermitgliedern und deren Aufgaben. «Das ist eine abgeschlossene Welt mit eigenen Autohändlern, eigenen Discos und bestimmten Kommunikationswegen, die eingehalten werden müssen.» Er fügte hinzu: «Die Hells Angels sind nicht rechts oder links, es geht um Kohle.»

Mit seiner Aussagebereitschaft ging der Ex-Rocker ein hohes Risiko ein. Während seiner Aussage sprang ein tätowierter Zuhörer auf und stieß eine indirekte Morddrohung gegen ihn aus: «Der ist tot.»

In den vergangenen Tagen war die Polizei in verschiedenen deutschen Städten mit großangelegten Aktionen gegen Rockerclubs vorgegangen. Nach Razzien in Berlin und Brandenburg sucht die Polizeibehörde in der Hauptstadt weiterhin nach einem möglichen «Maulwurf» in ihren Reihen. Die Rocker waren vermutlich vorgewarnt. Die amtierende Polizeipräsidentin Margarete Koppers leitete Ermittlungen wegen Geheimnisverrats gegen unbekannt ein.

Kriminalität
31.05.2012 · 19:23 Uhr
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