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EU will Sozialmissbrauchs-Debatte um Zuwanderer entschärfen

In der Diskussion um angebliche Armutszuwanderung bemüht sich die EU-Kommission um mehr Klarheit. Foto: Olivier HosletGroßansicht

Berlin/Brüssel/München (dpa) - Im monatelangen Streit um Sozialleistungen für arbeitslose Einwanderer aus der Europäischen Union ist die EU-Kommission um Klarstellung bemüht.

Sie will das Problem an diesem Montag durch Leitlinien zur Verhinderung von Sozialtourismus entschärfen. Die Diskussion hatte am Freitag an Dynamik gewonnen, nachdem eine Stellungnahme der Kommission bekanntgeworden war, in der die pauschale Ablehnung von Sozialleistungen für Arbeitslose aus der EU für unzulässig erklärt wird. Führende Unionspolitiker machten Brüssel deshalb am Wochenende heftige Vorwürfe.

«Die Kommission agiert oftmals, ohne wirklich die Lebensrealitäten zu kennen», sagte CSU-Chef Horst Seehofer der Nachrichtenagentur dpa. Deren wiederholte Einmischung in national geregelte Bereiche nannte er «Wasser auf die Mühlen der Europa-Kritiker.» Seehofer beteuerte, die CSU sei «ausdrücklich für die Freizügigkeit». «Aber wir sind gegen den Zuzug in die sozialen Sicherungssysteme.»

Die Kommission hatte zuvor deutlich gemacht, dass sie einen generellen Ausschluss neu zugewanderter Arbeitsloser aus EU-Staaten von Hartz-IV-Leistungen für unzulässig hält. Nötig seien konkrete Einzelfallprüfungen.

Für diesen Montag kündigte die Kommission an, Kriterien für den Anspruch auf Sozialleistungen für Bürger anderer EU-Staaten vorlegen zu wollen. «Es gibt eindeutige Vorkehrungen im EU-Recht, um zu verhindern, dass Menschen die Sozialsysteme anderer EU-Staaten missbrauchen», erklärte Sozialkommissar Laszlo Andor. Die Leitlinien sollen die Bewegungsfreiheit der Menschen in der EU erleichtern.

Die Diskussion um angebliche Armutszuwanderer aus Rumänien und Bulgarien erhielt neue Nahrung, seit mit dem Jahreswechsel auch für die Bürger der beiden Staaten volle Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU gilt. Zumindest in den ersten drei Monaten haben sie aber keinen Anspruch auf Hartz-IV-Leistungen.

Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) kritisierte die Position der Kommission als «völlig inakzeptabel». «Würde sich ihre Ansicht durchsetzen, würde es vermutlich einen erheblichen Zustrom von Menschen geben, die allein wegen der Hartz-IV-Zahlungen nach Deutschland kommen würden», sagte er der «Bild»-Zeitung (Samstag). Ähnlich äußerte sich CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer im «Spiegel»: Die Kommission stelle einen «Freifahrtschein in das deutsche soziale Sicherungssystem aus.»

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) plädierte dafür, die Probleme offen zu benennen. «Wir können nicht leugnen, dass es in manchen Städten Probleme gibt mit einer kleinen Minderheit, die nicht oder schwer integrierbar ist und sich nicht verantwortungsbewusst verhält», sagte er der «Wirtschaftswoche».

Der Chef des SPD-Arbeitnehmerflügels, Klaus Barthel, sieht die EU für die Arbeitnehmerfreizügigkeit nur unzureichend gewappnet. «Unser Sozialsystem ist auf diese Situation ebenso wenig vorbereitet wie das anderer Mitgliedsstaaten», sagte er «Handelsblatt Online». Nötig sei eine EU-weite Debatte «über die soziale Flankierung der Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt und die Dämpfung des Migrationsdrucks durch eine ausgeglichenere Wirtschaftsentwicklung».

Der Vorsitzende der EU-kritischen Alternative für Deutschland, Bernd Lucke, lehnt Sozialhilfe für zugezogene EU-Ausländer ab. «Brüssel darf nicht darüber entscheiden, wer in Deutschland Sozialleistungen erhält», sagte er dem «Focus». «Wenn wirklich jeder, der einfach hierherkommt, Anspruch auf Hartz IV hätte, würde das unseren Sozialstaat ruinieren. «Wir können einen Kuchen doch nicht mit ganz Europa teilen.» Lucke ist AfD-Spitzenkandidat für die Europawahl.

Nach einer «Spiegel Online» vorliegenden Studie der Industriestaaten-Vereinigung OECD trägt Arbeitsmigration zum Abbau von Ungleichgewichten in Europa bei. Sie lindere die Arbeitslosigkeit in den Herkunftsländern der Zuwanderer, die wiederum in der neuen Heimat häufig Jobs übernähmen, die sonst unbesetzt blieben. In Deutschland hatten 62 Prozent der in den vergangenen fünf Jahren zugewanderten Bulgaren und Rumänen im erwerbsfähigen Alter einen Job.

Arbeitsmarkt / Migration
12.01.2014 · 18:32 Uhr
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