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Erneut radioaktive Lauge in Asse festgestellt

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Berlin (dpa) - Die Atomenergie kommt aus der Vertrauenskrise nicht heraus. Nur elf Tage nach erneuten Pannen im Kernkraftwerk Krümmel in Schleswig-Holstein wurde im einsturzgefährdeten Atommüll-Lager Asse in Niedersachsen erneut radioaktiv belastete Lauge entdeckt.

«Neue Gefahren gibt es dadurch nicht», versicherte aber der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS), Wolfram König, als Betreiber der Anlage am Mittwoch in Berlin. Die gemessenen Werte lagen laut BfS unterhalb der entsprechenden Grenzen der Strahlenschutzordnung.

Die Stabilität des Salzbergwerks bei Wolfenbüttel mit rund 126 000 Fässern Atommüll ist stark gefährdet, weil täglich rund 12 000 Liter Wasser von außen eindringen. Aus Sicht des BfS hätte der schwach und mittel radioaktive Abfall nie in der Grube gelagert werden dürfen. Der Betrieb des einstige Forschungsbergwerks war Anfang des Jahres vom Helmholtz-Zentrum auf das BfS übergegangen.

Jetzt komme es darauf an, für den Verschluss des Bergwerks Ende des Jahres die sicherste Lösung zu finden, sagte König. Die Schachtanlage Asse II sei «eines der schlimmsten Beispiele für verantwortungslosen Umgang mit dem Thema Atommüll-Endlagerung», griff Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) am Mittwoch in Berlin den früheren Betreiber, das Helmholtz-Zentrum, scharf an.

Zugleich warnte Gabriel auch vor Sicherheitsrisiken des hessischen Reaktors Biblis B. Er forderte dessen Betreiber, den Stromkonzern RWE, auf, vom geplanten Wiederanfahren des für einen Sicherheitscheck im Januar abgeschalteten Meilers abzusehen. Hessens Umweltministerium als Aufsichtsbehörde teilte mit, Biblis B werde erst nach der Nachrüstung zur Sicherung des Kühlkreislaufs ans Netz gehen.  

Nur gut zwei Monate vor der Bundestagswahl erließ Gabriel zudem sofort gültige Vorschriften für eine ergebnisoffene Suche nach einem Endlager für Atommüll. Damit sollen unionsgeführte Bundesländer gezwungen werden, sich nicht nur auf den Salzstock Gorleben zu konzentrieren, sondern auch Gesteinsformationen in Bayern und Baden- Württemberg unter die Lupe zu nehmen. Kern der Vorschriften für das künftige Endlager sind laut Gabriel Sicherheitsnachweise des Atommülls für eine Million Jahre. Während der Einlagerungen sollten mehrere Sicherheitsbarrieren geschaffen und vor dem Verschluss der Anlage Atommüll wieder zurückgeholt werden können.

Die Atomenergiepolitik der Union sei «skandalös», monierte Gabriel angesichts deren unveränderter Forderung nach verlängerten Laufzeiten für die Atommeiler weit über 2022 hinaus. Überraschend Unterstützung für die Abschaltung des Pannen-Meilers Krümmel in Geesthacht erhielt Gabriel vom niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU). «Ich bin skeptisch, ob Krümmel wieder ans Netz geht, Krümmel muss abgeschaltet bleiben», schrieb Wulff laut «sueddeutsche.de» bei einem Internet-Chat. Die SPD im Landtag nannte ihn unglaubwürdig. Die Grünen forderten, Wulff solle sich jetzt auch für die Abschaltung des AKW Unterweser einsetzen.

Bisher hatten die CDU einheitlich an Krümmel festgehalten, jedoch Vattenfall gedroht, sich für ein Aus des Meilers einzusetzen, wenn der Konzern die Probleme nicht in den Griff bekomme. Inzwischen wurde am Mittwoch in dem vom Vattenfall betriebenen Atomkraftwerk ein Brennelement mit einem defektem Brennstab entdeckt, wie die Kieler Atomaufsicht der Deutschen Presse-Agentur dpa am zweiten Tag von Nachforschungen bestätigte. Weiter untersucht werden muss nach Angaben einer Vattenfall-Sprecherin, ob weitere Brennstäbe betroffen sind. Der Reaktor war am 4. Juli nach einem Trafo-Kurzschluss abgeschaltet worden.

Gabriel bekräftigte, acht Atomkraftwerke einschließlich Krümmel abzuschalten. Die Behauptung der Union, dass sich bei nur noch neun Meilern eine Stromlücke auftun werde, sei «pure Wählertäuschung». Er erneuerte seine Forderung, von den Energiekonzern eine Brennelemente- Steuer zu fordern, damit nicht die Steuerzahler vier Milliarden Euro für die nuklearen Hinterlassenschaften in Asse und 2,2 Milliarden für das ehemalige DDR-Endlager Morsleben aufbringen müssten.

Nach Angaben des hessischen Umweltministeriums wird Biblis B nach einer Vereinbarung mit RWE mit «Sumpfsieben» nachgerüstet. Diese sollen bei einem - für sehr unwahrscheinlichen gehaltenen - großen Leck das Verstopfen der Siebe verhindern. Als Sumpf wird der unterste Teil eines Reaktors genannt, in dem sich etwa beim Bruch einer Kühlwasserleitung das auslaufende Wasser sammeln würde. Beide Biblis- Blöcke stehen derzeit wegen Wartungs- und Erneuerungsarbeiten still. Die Sumpfsiebe werden zusätzlich zur eigentlich geplanten Wartung verbessert, so ein RWE-Sprecher.

Die Grünen forderten Gabriel auf, als Bundesaufsicht einzugreifen. Er wäre sonst bei weiteren Pannen verantwortlich, sagte Fraktionschefin Renate Künast der dpa. «Die Vorgänge in Biblis bestätigen einmal mehr, deutsche Atomkraftwerke haben eine Vielzahl von Sicherheitsproblemen. Die AKW-Betreiber müssen endlich gezwungen werden, der Sicherheit absoluten Vorrang vor ihrem Profit einzuräumen.»

Atom / Asse
15.07.2009 · 18:21 Uhr
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