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Erneut Amokalarm - Täter von Ansbach schweigt zur Tat

Gegen Mittag war bei der Polizei ein Notruf eingegangen.Großansicht
Zwickau/Ansbach/Eggesin (dpa) - Fünf Tage nach dem Amoklauf von Ansbach hat die Polizei im sächsischen Zwickau einen möglichen Nachahmer gestoppt. Der 19-Jährige wurde während des Unterrichts in Gewahrsam genommen.

Ein Lehrer habe am Dienstagvormittag gehört, wie der Schüler im Gespräch mit Mitschülern eine Gewalttat androhte, teilte die Polizei mit. Bei dem 19-Jährigen aus Crimmitschau seien aber keine Waffen gefunden worden. In Mecklenburg-Vorpommern wurde ein 16-Jähriger vorläufig festgenommen, weil er einen Angriff in seiner Schule in Eggesin angedroht hatte. Unterdessen schwieg der Amokläufer von Ansbach zu seiner Tat. Ihm wurde im Krankenhaus der Haftbefehl wegen zehnfachen versuchten Mordes eröffnet, teilte die Staatsanwaltschaft Ansbach mit.

Der 18-Jährige, der einen Lehrer und neun Schüler verletzt hatte, war am Vortag aus dem künstlichen Koma erwacht. Als Tatmotiv hatte die Polizei Hass auf die «Institution Schule» und die Menschheit ermittelt. Am Carolinum-Gymnasium begann am Dienstag der Unterricht wieder. Nahezu alle Schüler seien am Morgen gekommen, sagte eine Mitarbeiterin. Um die Jugendlichen bei der Aufarbeitung des Amoklaufs zu unterstützen, bietet das Gymnasium einen Raum der Stille an. Einige hielten sich dort schweigend auf, andere säßen in Gruppen beieinander, umarmten sich und redeten miteinander, sagte ein Notfallseelsorger.

Der Abiturient war am vergangenen Donnerstag mit fünf Molotow- Cocktails, Messern und einem Beil in seine Schule gestürmt und hatte Brandsätze in zwei Klassenzimmer geworfen. Anschließend schlug er mit der Axt auf die fliehenden Schüler ein und verletzte zwei 15 Jahre alte Mädchen schwer. Der Jugendliche war von Polizisten mit drei Schüssen gestoppt worden.

Einer der Schüler des Gymnasiums, Johannes Knoblach, soll für seinen Einsatz während des Amoklaufes die Medaille für Verdienste um die innere Sicherheit bekommen. Das kündigte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) auf einer Veranstaltung zum Thema «Extremsituation Amoklauf» in Ingolstadt an. Knoblach habe sich vorbildlich verhalten. Der «Held von Ansbach» war aus der Cafeteria der Schule in den dritten Stock gerannt, als er dort Schüler schreien hörte. Der 18-Jährige alarmierte die Polizei und löschte brennende Möbel.

Die Deutsche Polizeigewerkschaft forderte bei dem Forum echte Konsequenzen. Nach jeder Tat gebe es nach Erschütterung und Empörung nur «hektischen Aktionismus» in Politik und Gesellschaft, kritisierte der Landesvorsitzende der Organisation, Hermann Benker. Bis zum nächsten Ereignis passiere dann aber doch nichts.

Viele Amokläufer seien «Sammler von Ungerechtigkeiten», sagte der Würzburger Psychiatrieprofessor Armin Schmidtke bei dem Treffen. «Ein Großteil hat eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.» Die jungen Männer, die in den vergangenen Jahren Blutbäder an deutschen Schulen anrichteten, verband den Experten zufolge vor allem eines: unbändige Wut auf die Welt. Beeinflusst wurden die Täter von Killerspielen und Gewaltvideos, vor allem aber ging es um Kränkungen, Zurückweisung, Rache und die Rolle der Medien.

Amokläufer halten sich demnach oft für etwas ganz Besonderes, fühlen sich unverstanden und verfolgt. Hinter jeder noch so kleinen Bemerkung vermuten sie eine Beleidigung und noch nach Jahren können sie sich an jede erlittene Kränkung erinnern. «Sie schlucken das runter, aber unter der Oberfläche lodert es», sagte Schmidtke. Auch der 18-jährige Täter von Ansbach, der mit Molotowcocktails und einer Axt auf seine Mitschüler losging, hatte angegeben, vor Jahren einmal von Schulkameraden verprügelt worden zu sein. «Und das Fatale ist: Wenn ich meine, die Welt kränkt mich, dann finde ich dafür überall Belege», erklärte Schmidtke. «So schaukelt sich das immer weiter hoch.»

Hat jemand den Entschluss zu einem Amoklauf gefasst, verlaufen Vorbereitung und Tat nach Angaben des Psychiaters in vier Phasen: «Dumpfes Brüten, Amoktat, Erschöpfung, Amnesie.» Vor allem in der Phase des «Brütens» sei es möglich, Hinweise auf die geplante Tat zu entdecken. Viele Täter hätten Drohungen ausgesprochen, die niemand ernst genommen habe, oder die Tat sogar konkret angekündigt.

Rechtzeitig auf solch einen Hinweis reagiert wurde nun möglicherweise in Zwickau. Der 19-Jährige wurde am Nachmittag vernommen und anschließend seinen Eltern übergeben. Gegen ihn werde wegen Störung des öffentlichen Friedens ermittelt, teilte die Polizei mit. Vermutlich waren die Drohungen des jungen Mannes eine Frustreaktion auf disziplinarische Maßnahmen - der Berufsschüler sei öfter zu spät gekommen, hieß es. Der Unterricht am Berufsschulzentrum für Bau- und Oberflächentechnik wurde nicht unterbrochen.

Bei dem Fall in Mecklenburg-Vorpommern hatte sich der Schüler einer neunten Klasse per SMS bei einem Mitschüler nach einer Waffe erkundigt und im Internet angekündigt, Menschen Schmerzen zufügen zu wollen, teilte die Polizei mit. Bei seiner Festnahme hatte der Jugendliche einen Totschläger dabei. Bei der anschließenden Vernehmung bestritt er, tatsächlich eine Attacke geplant zu haben.

Im März hatte der furchtbare Amoklauf eines 17-Jährigen die Menschen in Deutschland geschockt. Der Jugendliche hatte an seiner früheren Schule in Winnenden (Baden-Württemberg) und bei seiner Flucht 15 Menschen und danach sich selbst getötet.

Kriminalität / Schulen
22.09.2009 · 19:36 Uhr
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