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Erbitterter Machtkampf in Libyen

Die libyschen Aufständischen wollen keine Rache an Gaddafis Soldaten üben.Großansicht

Kairo/Tripolis/Berlin (dpa) - Der Kampf um die Herrschaft in Libyen ist noch nicht zu Ende: Auch nach dem Umzug der Übergangsregierung der Aufständischen in die Hauptstadt Tripolis leisten die Anhänger des untergetauchten Diktators Muammar al-Gaddafi weiter erbitterten Widerstand.

Ein auf dem zentralen Grünen Platz geplantes Freitagsgebet sagten die Rebellen aus Sicherheitsgründen ab. Die Auseinandersetzungen konzentrierten sich am Freitag auf Gaddafis Heimatstadt Sirte und die strategisch wichtige Wüstenstadt Sebha in der Mitte des Landes.

Derweil beklagte Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) Fehler der internationalen Staatengemeinschaft bei der Einschätzung der Lage in Libyen. «Wir haben uns mindestens dreimal geirrt - nicht nur wir Deutschen, der ganze Westen», sagte er in der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin. Gaddafi sei erst «massiv unterschätzt» und dann «massiv überschätzt» worden. «Dann haben wir gesagt, es wird lange anhalten und es gibt überhaupt keine Veränderungen, und in einer Woche war Tripolis erobert.»

Der Chef der libyschen Übergangsregierung, Mahmud Dschibril, erklärte, die Aufständischen hätten inzwischen fast im ganzen Land die Oberhand. Nur Sebha, Sirte sowie das südöstlich von Tripolis gelegene Bani Walid seien nicht unter Kontrolle von Rebellenkämpfern, sagte er nach Angaben der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu in Ankara. Ziel sei es, die Städte ohne Blutvergießen einzunehmen.

Britische Kampfflugzeuge beschossen in der Nacht zum Freitag eine Kommando- und Kontrollzentrale in Sirte mit Raketen. Mit dem Angriff habe man sicherstellen wollen, dass es keine andere Befehlszentrale des Regimes außerhalb von Tripolis gibt, hieß es in London. Der britische Verteidigungsminister Liam Fox betonte, es sei «verfrüht», anzunehmen, dass die Kämpfe in Libyen vorbei seien.

Die Gaddafi-Gegner riefen die Einwohner von Sirte dazu auf, die Stadt kampflos zu übergeben. Im Gegenzug sollten nur aus Sirte stammende Kämpfer in die Küstenstadt einrücken, hieß es. Die Aufständischen sammelten unterdessen ihre Einheiten nahe Sirte, wo sich Einheiten Al-Gaddafis und seine Anhänger verschanzt haben.

In der Garnisonsstadt Sebha lieferten sich Anhänger und Gegner Gaddafis in der Nacht heftige Kämpfe. Dutzende Rebellen seien getötet worden, als sie das Hauptquartier des Militärgeheimdienstes erstürmt hätten, teilten die Aufständischen mit. Sie hätten zwei Stadtviertel eingenommen. Es gebe kein Wasser und Strom.

In Tripolis versammelten sich die Gläubigen in der dem Grünen Platz nahe gelegenen Al-Kabir-Moschee. Der Prediger, Scheich Ahmed Milad Gaddur, rief die Libyer auf, keine Rache zu üben. Der Scheich, der durch die Revolution drei Verwandte verloren hat, begann seine Predigt mit tränenerstickter Stimme. «Das ganze Volk ging auf die Straße und rief nach Reform und Freiheit», sagte er. «Die Jugend hat das Land befreit, Stück für Stück, Haus für Haus, Gasse für Gasse.» Gaddafi sei ein lügnerischer Herrscher gewesen.

Am Vortag war ein Teil des «Kabinetts» der Revolutionsbewegung von Bengasi nach Tripolis umgezogen. Ihr Vize-Vorsitzender Ali al-Tarhuni versprach bei einer Pressekonferenz Straffreiheit für alle Soldaten und Freiwilligen, die bis jetzt für Gaddafi gekämpft haben. Auch Tripolis ist noch nicht voll unter der Kontrolle der Aufständischen. Vor allem der Flughafen der Stadt war nach Berichten von Fernsehsendern am Freitag noch schwer umkämpft.

Reporter der Sender Al-Dschasira und BBC berichteten von Gräueltaten auf beiden Seiten. Die Sender zeigten Bilder von Leichen mit auf dem Rücken gefesselten Händen. Die Minister der Übergangsregierung wollen sich jetzt zuerst um die Versorgung der Bürger mit Wasser und Strom kümmern und die Plünderungen beenden, die aus mehreren Stadtvierteln gemeldet wurden. Die Plünderer nahmen Wertgegenstände und «Souvenirs» mit wie Fotos aus einem Zimmer von Gaddafi-Sohn Al-Saadi oder teure Räucherstäbchen aus einer Villa von Hannibal al-Gaddafi.

Dschibril bemüht sich derzeit darum, eingefrorene Guthaben des Gaddafi-Regimes in Europa loszueisen. Für die Freigabe der Gelder von Gaddafi gibt es aber noch kein Datum. Es werde geprüft, wie sichergestellt werden könne, dass das Geld dem Übergangsrat und nicht den Unterstützern Gaddafis zu Gute komme, hieß es bei der EU. Auf Druck der USA hatten die Vereinten Nationen in der Nacht die Freigabe von 1,5 Milliarden Dollar (rund einer Milliarde Euro) aus eingefrorenen Auslandsvermögen beschlossen. Mit dem Geld soll vor allem eine humanitäre Krise in Libyen verhindert werden.

Konflikte / UN / Libyen
26.08.2011 · 21:11 Uhr
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