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Entsetzen über Amoklauf von US-Soldaten

Bundeskanzlerin Merkel informiert sich gemeinsam mit dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker (r), im Kommandostand des Lagers in Masar-i-Scharif über die Lage in Afghanistan.  Foto:  Bundesregierung/Steffen KuglerGroßansicht

Masar-i-Scharif/Washington/New York (dpa) - Das Massaker eines US-Soldaten an Zivilisten hat in Afghanistan Wut, Entsetzen und harte Kritik an den ausländischen Truppen ausgelöst. Nach US-Präsident Barack Obama kondolierte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel der afghanischen Regierung.

Bei einem Blitzbesuch am Hindukusch bekräftigte sie, dass die deutschen Soldaten trotz aller Widrigkeiten in Afghanistan im Jahr 2014 abgezogen werden sollen. Auch die USA wollen nicht früher gehen.

Die US-Regierung stellt sich bereits auf eine neue Welle gewaltsamer Proteste wie nach den jüngsten Koranverbrennungen ein. Das Blutbad «ist geeignet, Zorn und Emotionen an einem Ort anzufachen, in dem die Spannungen bereits beträchtlich sind», sagte der Sprecher des State Department, Mark Toner.

Außenministerin Hillary Clinton versprach am Montag in New York, ihre Regierung werde alles tun, den Soldaten, der am Wochenende 16 Zivilisten getötet hatte, zur Verantwortung zu ziehen. «Es ist furchtbar. Grauenhaft. Ich kann mir die Trauer der Familien nicht einmal vorstellen.»

Ungeachtet des Blutbads bleibe es aber weiterhin Ziel der USA, das Terrornetzwerk Al-Kaida zu besiegen, stellte das Weiße Haus klar. Die USA wollten auch an ihren Plänen festhalten und bis Ende 2014 ihre Truppen abziehen, sagte Regierungssprecher Jay Carney.

Merkel telefonierte vom Bundeswehr-Feldlager in Masar-i-Scharif mit dem afghanischen Präsidenten Hamid Karsai. Sie sprach ihm ihr persönliches Beileid und das der deutschen Bevölkerung wegen der «schrecklichen Tat des US-Soldaten» aus. Der inzwischen festgenommene Amerikaner hatte in der Nacht zu Sonntag in der südafghanischen Provinz Kandahar 16 Zivilisten ermordet. Darunter waren nach afghanischen Angaben neun Kinder und drei Frauen.

Das Parlament in Kabul warnte die internationalen Soldaten scharf. «Die Toleranzgrenze des afghanischen Volkes ist erreicht», hieß es am Montag in einer Mitteilung des Unterhauses (Wolesi Dschirga). Darin wurde die US-Regierung aufgefordert, «die Täter sobald wie möglich in einem öffentlichen Gericht in Afghanistan unter Beteiligung des afghanischen Volkes zu bestrafen». All jenen solle eine Lektion erteilt werden, «die das Blut von Afghanen unter irgendeinem Vorwand vergießen». Die radikal-islamischen Taliban kündigten Vergeltung für das Massaker an.

Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) warnte davor, die gesamte internationale Schutztruppe Isaf für den Amoklauf des US-Soldaten in Haftung zu nehmen. «Der Vorgang ist so grauenhaft, so außergewöhnlich brutal und schockierend, dass alleine deswegen das als Einzelfall anzusehen ist», sagte er am Montag auf dem Weg nach Usbekistan. «Ich hoffe nicht, dass es zu einer Eskalation der Lage beiträgt.»

Merkel sagte, Karsai habe in dem Telefonat «noch einmal betont, dass die Leistung der deutschen Soldaten im Rahmen von Isaf außerordentlich geschätzt wird». Das gelte besonders in der Kombination mit dem zivilen Wiederaufbau. Karsai habe sie gebeten, «das den deutschen Soldaten hier auszurichten».

Für Verwirrung sorgte Merkel mit ersten Äußerungen in Masar-i-Scharif, in denen Skepsis angeklungen war, ob der Abzugstermin 2014 zu halten sei. Später stellte sie klar, dass der Zeitplan international vereinbart worden sei, zuletzt auf der Afghanistan-Konferenz in Bonn Ende vergangenen Jahres. «Wir sind jetzt schon in der Phase der Übergabe in Verantwortung», sagte Merkel. «2014 ist der Abzugstermin.»

Aus Regierungskreisen verlautete, mit den ersten Äußerungen habe die Kanzlerin auf die noch zu bewältigenden Probleme hinweisen wollen. Sie sei in der Frage des Abzugstermins aber nicht skeptisch.

In Berlin pflichtete der Koalitionspartner FDP bei. «Aus meiner Sicht gibt es trotz der instabilen Lage keine Veranlassung, diese Abzugsperspektive infrage zu stellen», sagte Patrick Döring, der künftige FDP-Generalsekretär. Dagegen forderte der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir, dass die Kanzlerin «sich zu diesem Thema möglichst schnell mit den Partei- und Fraktionsvorsitzenden auseinandersetzt».

Der britische Premierminister David Cameron riet von überstürzten Reaktionen ab: «Das wichtigste ist, dass wir an unserem Plan festhalten.» Es habe einen «wirklich schrecklichen Vorfall» gegeben. Der dürfe aber nicht dazu führen, «dass die gute Arbeit, die Briten, Amerikaner und andere Isaf-Truppen in Afghanistan leisten, behindert wird.»

Knapp drei Wochen nach den Koranverbrennungen durch US-Soldaten belastet der neuerliche Vorfall das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Kabul und Washington. US-Präsident Obama hatte sich «tief betrübt» über den Vorfall gezeigt. Präsident Karsai sprach von einem «unverzeihlichen Verbrechen». Die Isaf sicherte zu, dass der verantwortliche Soldat zur Rechenschaft gezogen werde.

Die «New York Times» zitierte am Montag in ihrer Online-Ausgabe Dorfbewohner, die sagten, der Unteroffizier sei von Tür zu Tür gegangen und schließlich in drei Häuser eingedrungen. Dort habe er seine Opfer getötet und mehrere der Leichen verbrannt, darunter auch die von vier Mädchen, die noch keine sechs Jahre alt waren.

Die «New York Times» berichtete weiter, der Unteroffizier sei von seiner Basis im Unruhedistrikt Pandschwai aus mehr als eine Meile (1,6 Kilometer) weit zum Tatort gelaufen. Der mutmaßliche Einzeltäter habe sich anschließend ergeben. Bei ihm handele es sich um einen 38-jährigen Feldwebel, der verheiratet sei und zwei Kinder habe. Er sei seit vergangenem Dezember in seinem ersten Afghanistan-Einsatz. Zuvor sei er dreimal im Irak stationiert gewesen.

Beim Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan setzt Berlin auf usbekische Unterstützung. «Usbekistan hat eine wichtige Rolle in der Region und könnte auch eine bedeutende Rolle bei der Organisation des Abzugs aus Afghanistan bekommen», sagte de Maizière in Taschkent. Das Land grenzt an das Zuständigkeitsgebiet der Bundeswehr in Nordafghanistan. Schon jetzt betreibt die deutsche Luftwaffe einen Stützpunkt mit mehr als 100 Soldaten in Termes, über den bisher aber keine militärische Ausrüstung transportiert werden darf.

Konflikte / Bundeswehr / Afghanistan
12.03.2012 · 21:41 Uhr
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