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England: Wootton Bassett als Sinnbild der Trauer

Veteranen, Angehörige und Freunde von in Afghanistan getöten britischen Soldaten am Straßenrand in Wootton Bassett.
Wootton Bassett (dpa) - Wenn die Wagen mit den Toten einfahren, ist es ganz still in Wootton Bassett. Die Ladenbesitzer schließen ihre Geschäfte, treten auf den Bürgersteig. Sie verharren, stehen mit gesenktem Kopf am Straßenrand, schweigen.

Nur ein leises Schluchzen trägt der Wind durch die Luft, als die mit der britischen Flagge umhüllten Särge vorbeirollen. Veteranen erweisen den toten Soldaten mit einem militärischen Gruß die letzte Ehre.

Durch die kleine Stadt im Südwesten Englands fahren regelmäßig Leichenwagen mit gefallenen britischen Soldaten aus Afghanistan - sie ist zum Sinnbild der Trauer geworden. Inzwischen rollt fast jede Woche ein Wagen durch die Einkaufsstraße von Wootton Bassett, meistens mehrere. Was in Deutschland auch nach dem Tod dreier Soldaten am Karfreitag noch ungewohnt ist, ist hier längst Alltag: Öffentliche Trauer über einen Krieg, der vielen verloren erscheint.

«Wir wollen die Familien mit ihrer Trauer nicht alleine lassen. Und wir wollen denen unseren Respekt zeigen, die für dieses Land kämpfen», sagt Anne Bevis von der Hilfsorganisation Royal British Legion. Die Menschen kommen nicht nur aus dem Ort mit seinen rund 10 000 Einwohnern, sondern aus dem ganzen Land. Wootton Bassett trägt schon den Titel «patriotischste Stadt Großbritanniens».

Fast 10 000 Briten sind derzeit in Afghanistan im Einsatz, mehr Truppen stellen nur die USA. Und mehr Tote haben auch nur die Amerikaner zu beklagen. Seit Beginn des Einsatzes vor achteinhalb Jahren kamen 280 Briten ums Leben, von den deutschen Soldaten starben 39. «Ich habe schon aufgehört zu zählen», sagt Shirley Brewer, die jedes Mal aus dem nahe gelegenen Salisbury nach Wootton Bassett reist. Auch ihr Enkel kämpft in Afghanistan. «Ich habe Angst um ihn. Man denkt immer, er könnte der nächste sein.»

Die sogenannte Repatriation, also die Rückführung der Leichen, in Wootton Bassett ist nicht vom Staat organisiert. Politiker tauchen hier nicht offiziell auf. «Wenn einer kommt, dann als Privatmensch», sagt Bürgermeister Steve Bucknell.

Es war eher Zufall, dass der Ort zum Sinnbild des Krieges wurde. Weil der Militärflughafen Brize Norton umgebaut wurde, mussten die Särge am nahe gelegenen Flughafen RAF Lyneham landen. Auf dem Weg zur Obduktion ins Krankenhaus in Oxford passieren die Leichenwagen Wootton Bassett. Seit April 2007 gab es fast 120 Rückführungen von mehr als 250 Soldaten, Tote aus dem Irak mitgezählt.

Auch für die Medien ist der Ort das Gesicht der Trauer. In Scharen reisen sie an. «Wissen Sie, es ist schwierig... wir sind eine kleine Stadt», sagt Bürgermeister Bucknell und deutet auf Übertragungswagen, die auf der Einkaufstraße parken. Der Gehsteig ist mit Kameras und den kleinen Leitern der Fotografen verstopft. «Heute geht es noch. Aber wenn wir acht Tote haben, dann wird das hier einfach zu viel.»

Viele Menschen hier unterstützen den Krieg nicht, aber sie ehren ihre Soldaten. «Es ist die britische Lebensweise: die Truppen zu unterstützen. Wir stellen das nicht in Frage», sagt Anne Bevis. «Vielleicht wäre es anders, wenn wir den Zweiten Weltkrieg verloren hätten?», sagt Bürgermeister Bucknell.

Vielleicht ist es auch diese Verehrung, die junge Menschen zum Dienst beim Militär, zum «Dienst an ihrer Heimat» bewegt. «Du bist eine Legende, du bist unser Held. Wir vergessen Dich nie», steht auf den T-Shirts mehrerer Jugendlicher, die an jenem Tag um ihren Freund trauern. Er war erst 19 Jahre alt, als ihn ein Selbstmordattentäter in der südafghanischen Provinz Helmand mit in den Tod riss. Einer seiner Freunde lehnt weinend vor einem Pub in Wootton Bassett, sein Bierglas fällt auf den Boden, als ein Mädchen ihn in den Arm nimmt.

Zwar war der Einmarsch in Afghanistan nicht so umstritten wie der Irakkrieg, doch mit der zunehmenden Zahl der Toten dreht sich auch in Großbritannien die Stimmung. «Ich finde diesen Krieg nicht gut, ich will nicht, dass irgendjemand stirbt.», sagte Margaret Friend, die auf der Einkaufsstraße einen Bilderrahmen-Laden besitzt und bei fast allen Rückführungen dabei war.

Die Haltung der Regierung zum Afghanistan-Krieg ändert sich trotz der vielen Opfer nicht. Premierminister Gordon Brown betont immer wieder, dass Großbritannien durch den Einsatz vor Terroranschlägen geschützt wird und das Terrornetzwerk Al-Kaida bekämpft werden muss. So werden wohl weiter die Leichenwagen durch Wootton Bassett rollen.

www.woottonbassett.gov.uk

Konflikte / Großbritannien / Afghanistan
09.04.2010 · 10:51 Uhr
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