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EKD-Vorsitzender kritisiert Atomkurs und Afghanistan-Einsatz

Präses Nikolaus Schneider auf der EKD-Synode.Großansicht

Hannover (dpa) - Mit Nikolaus Schneider erhält die evangelische Kirche eine kritische und klare Stimme an der Spitze. Wolle die Kirche überleben und Menschen gewinnen, müsse sie klarer von Gott sprechen, sagt er. In schwieriger Zeit stärkt Bundespräsident Wulff der Kirche den Rücken.

In einer Grundsatzrede vor der Wahl zum Chef der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) kritisierte Schneider den Afghanistan-Einsatz und verlangte eine öffentliche Debatte über die künftige Rolle der Bundeswehr. Da klare Zielsetzungen, ein umfassendes Konzept und eine Ausstiegsstrategie fehlten, stehe die ethische Legitimation des Afghanistan-Einsatzes infrage, sagte der rheinische Präses am Sonntag zum Start der Tagung der EKD-Synode.

Das Kirchenparlament soll Schneider (63) am Dienstag zum Nachfolger der nach einer Alkoholfahrt zurückgetretenen Ex-Bischöfin Margot Käßmann wählen. Schneider hatte Käßmann seit Februar bereits an der Spitze der 25 Millionen Protestanten als amtierender EKD-Ratsvorsitzender vertreten. Der Theologe aus dem Rheinland ist bekannt für sein soziales wie politisches Engagement.

Parallel zum Castor-Transport mit Atommüll kritisierte Schneider den Atomkurs der Bundesregierung. «Wir brauchen eine Energiepolitik, die nicht wieder auf Atomkraft setzt», sagte der Präses. «Die Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken sehe ich deshalb kritisch.» Den regenerativen Energien gehöre die Zukunft. «Für mich übersteigt die Dauer der Strahlung der einzulagernden Brennelemente das dem Menschen gegebene Maß an Verantwortungsmöglichkeit.» Von der Kirchensynode wird Anfang der Woche eine Resolution gegen die derzeitige Atompolitik erwartet.

In der Integrationsdebatte kritisierte Schneider pauschale Verurteilungen von muslimischen Zuwanderern. «Die Einwanderungsgesellschaft ist Alltag und Normalität in Deutschland.» Sie zu gestalten brauche keine Scharfmacher, sondern verdiene eine klare Analyse, Geduld und Pragmatismus. Auf Kritik des EKD-Chefs stieß ebenfalls die Neuberechnung der Hartz-IV-Sätze durch die Bundesregierung. Statt der unteren 20 Prozent der Einkommen habe die Regierung nun die unteren 15 Prozent zum Maßstab genommen. «Ich sehe mit großer Sorge, dass der Staat dadurch sein ausgleichendes Handeln den Armen gegenüber vermindert.»

Bundespräsident Christian Wulff unterstrich in seiner Rede vor der Synode die tragende Bedeutung der Kirche für die Gemeinschaft und den Zusammenhalt der Gesellschaft. «Wir brauchen eine Orientierung in unserem Land auch durch die christliche Botschaft der Liebe zu Gott und zum Nächsten.» Deutschland sei von der christlichen Tradition zutiefst positiv geprägt. Um die Zukunft dieser Tradition machte Schneider sich auch angesichts schrumpfender Mitgliederzahlen und Finanzen am Sonntag Sorge: «Entscheidend für uns wird es sein, ob es uns gelingt, so von Gott zu reden, dass die Menschen uns verstehen, dass es einladend ist.»

In der auch in der Kirche strittigen Frage von Embryonentests plädierte Schneider für eine Neuaufnahme der ethischen Diskussion über die Zulässigkeit der Präimplantationsdiagnostik (PID). Obwohl die EKD sich 1992 und 2003 gegen die PID ausgesprochen habe, habe die Kirche auch gesagt, dass der Mensch neue medizinische Verfahren und die Gentechnik in verantwortbarer Weise nutzen könne. Allerdings dürfe Behinderten nicht das Lebensrecht abgesprochen werden. Die PID wird genutzt, um im Reagenzglas erzeugte Embryonen außerhalb des Mutterleibs auf Erbkrankheiten zu untersuchen und auszuwählen.

Auch angesichts des brutalen Angriffs auf eine katholische Kirche in Bagdad beklagte Schneider die Verfolgung des christlichen Glaubens unter anderem in Asien und arabischen Ländern. «Ich wünsche mir darüber hinaus, dass die Stimmen islamischer Theologie deutlicher zu vernehmen sind, die der Gewalt gegen Andersgläubigen abschwören.»

Unterdessen setzt die evangelische Kirche auf eine weitere Annäherung von Protestanten und Katholiken und richtet Erwartungen auch an den Papst. Bei seinem geplanten Deutschlandbesuch solle Benedikt XVI. im kommenden Jahr auch mit der Spitze der evangelischen Kirche zusammenkommen und eine Gedenkstätte der Reformation besuchen, sagte Bayerns Bischof Johannes Friedrich am Samstag. «So etwas würden wir uns doch sehr wünschen.» Trotz der konservativen Grundhaltung des Papstes sei eine weitere Annäherung von Katholiken und Protestanten unter Benedikt XVI. möglich, sagte der Braunschweiger Bischof Weber. «Insgesamt halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass es in der Ökumene noch zu Weiterentwicklungen kommt, das traue ich Papst Benedikt durchaus zu.»

Kirchen / EKD
07.11.2010 · 16:36 Uhr
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