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Einsam im Osten - Frauen Fehlanzeige

Es ist immer noch eine Männerwelt. 50,4 Prozent der 7,06 Milliarden Menschen auf der Erde sind männlich, und das, obwohl Frauen länger leben. Doch auf 100 neugeborene Mädchen kommen im Schnitt 107 Jungs. Schuld an der weltweiten Schieflage ist vor allem China. Im bevölkerungsreichsten Land der Erde steht es 116 zu 100 für die männlichen Babys, veröffentlichte 2010 die Chinesische Akademie für Sozialwissensschaften. Noch immer gelten Mädchen dort als minderwertig und werden abgetrieben.

In Europa hingegen schlägt der demographische Wandel durch. 41.637.080 Frauen lebten Ende 2011 in Deutschland, dagegen waren es nur 40.206.663 Männer. Fast 51 Prozent der Deutschen sind weiblich.

Seit Mitte der 1990er Jahre, also kurz nach der Wende, sind Geschlechterproportionen ein Thema in Deutschland. «Was da auf uns zukommt, ist wie ein Hurrikan, der auf die Küste zurast», sagte der Chemnitzer Soziologe Bernhard Nauck 2005, eine Studie des Berliner Instituts für Bevölkerungsforschung von 2007 heißt «Not am Mann». Am Mann?

Frauenmangel, obwohl es mehr Frauen gibt

In ländlichen Gegenden Ostdeutschlands mangelt es vielmehr an Frauen. Mancherorts ist es fast so drastisch wie in China. Im alten Landkreis Parchim, Mecklenburg-Vorpommern, kamen 2009 bei den 18- bis 24-jährigen 76 Frauen auf 100 Männer, hat eine neue Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung festgestellt. Ähnlich sieht es im Altmarkkreis Salzwedel, Sachsen-Anhalt, aus. Diese beiden Orte sind nur Beispiele für ein Phänomen, das einfach nicht aufzuhalten ist.

Kaum haben sie ihr Abi in der Tasche, verlassen junge Frauen Parchim, ihr Dorf im Erzgebirge oder im Oderbruch. Viele hatten bessere Noten als die Jungs und wollen studieren oder zumindest einen Job finden, in dem sie mehr als die 4,50 Euro pro Stunde verdienen, die sie als Verkäuferin oder Friseurin erwarten können. Weil junge Frauen flexibler sind und sich stärker fürs Stadtleben begeistern als Männer, ziehen sie leichter um, während Männer eher pendeln. Viele Studien wurden bereits erstellt seit den 1990er Jahren, und immer wieder kommen sie zu ähnlichen Ergebnissen. Anfangs gingen die Wanderungsbewegungen gen Westen, 1,5 Millionen junge Leute verließen die Ex-DDR. Inzwischen zieht es viele Frauen einfach in die nächste größere Stadt. Je weiter ab vom Schuss die Dörfer liegen, desto größer der Frauenmangel.

Was passiert, wenn Frauen gehen - klicken Sie sich durch:

Auch Heidrun Dräger ist eine Frau, eine Gleichstellungsbeauftragte voller Elan, und sie lebt in Ludwigslust, das seit einem halben Jahr mit Parchim einen gemeinsamen Landkreis bildet. Dräger ist enttäuscht und eigentlich auch überrascht, weil Parchim noch immer so schlecht wegkommt. Dass das Zahlenverhältnis bei den jungen Leuten wirklich 100:76 sein soll, kann sie sich gar nicht vorstellen. Schließlich kämpft sie, bislang in Ludwigslust, seit Jahren dafür, die Region für junge Frauen attraktiver zu machen.

Ambitionierte Frauen kommen gar nicht darauf, zu bleiben

Es ist nicht so, dass die aussterbenden Landkreise den Hurrikan tatenlos erwarteten, den Nauck 2005 ankündigte. Ludwigslust-Parchim gibt alles, um nicht dahinzusiechen. Wer auf der Homepage die Abteilung «Leben im Landkreis» anklickt, sieht fröhliche Teenagerinnen mit einer Babypuppe. In Parchim-Ludwigslust berät eine eigene Wirtschaftsförderungsgesellschaft Unternehmen und lockt mit Fördermitteln, vermittelt zwischen Schülern und den lokalen Firmen, um realistische Ausbildungen zu fördern und gleichzeitig Fachkräfte zu sichern. In Ökotechnologie zum Beispiel steht der Landkreis gut da. Sie haben eine Kinderbetreuung geschaffen, die jeden Ort in Westdeutschland neidisch erblassen ließe, mit Online-Notdienst und 24-Stunden-Betreuung, um Pendler vom Wegzug abzuhalten.

Und sie kämpfen beim jährlichen Pendlertag darum, Pendler zurückzugewinnen und ihnen zu zeigen, wo sie auch zuhause, in ihrem Landkreis arbeiten könnten. «Viele junge Leute kommen gar nicht auf die Idee, dass sie zuhause Arbeit finden könnten. Sie sind es gewohnt, dass alle abwandern oder pendeln, und orientieren sich automatisch weg», sagt Tim Leibert. Der Leipziger Wissenschaftler hat mit seiner Kollegin Karin Wiest im Januar seine Studie zur Frauenabwanderung aus Sachsen-Anhalt vorgestellt.

Nicht die Männer sind Schuld!

«Gehen? Bleiben? Etwas bewegen!» haben sie die Studie genannt. Tim Leibert neigt nicht zu so drastischen Formulierungen wie der Chemnitzer Kollege Bernhard Nauck, doch auch er sagt: Früher oder später droht der Region der Kollaps. «Manche Leute haben schon in fünf verschiedenen Gemeinden gelebt, weil Verwaltungen immer wieder zusammengelegt und umorganisiert werden», sagt er.

Allerdings hat Leibert weder Lust, Horrorszenarien zu zeichnen, noch das Bild der ungehobelten Dorftrottel zu nähren, denen die Frauen davonlaufen und die in der Konsequenz aggressiv und rechtsradikal werden. «Wir haben das befürchtet, in unserer Studie aber nicht festgestellt», sagt Leibert. Nicht die Männer sind Schuld, es ist eher eine Dynamik, die sich seit der Wende immer weiter dreht. Hauptsächlich um das Problem Arbeit, aber auch um Lebensqualität, Vereine, Freizeitgestaltung und das Bewusstsein, dass es hier eigentlich schön ist. Das ist es, was er mit «etwas bewegen» meint. Das Leben müsste wieder gestaltet werden, Vereine frische Angebote machen, die Gemeinschaft in Schwung kommen. Denn eigentlich ist es in Mecklenburg, der Altmark, im Oderbruch und im Erzgebirge ziemlich schön.

Aktuelles / Gesellschaft
[news.de] · 29.07.2012 · 08:00 Uhr
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