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dpa-Interview: Keine akute Gefahr - aber Langzeitfolgen

Berlin (dpa) - Der Verzehr von dioxinbelastetem Schweinefleisch hat nach Angaben des Berliner Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Gesundheit. Tückisch aber sind mögliche Langzeit-Folgen, erläutert BfR-Experte Helmut Schafft.

Für Dioxin gibt es Höchstwerte. Wie sehr wurden sie bei den jüngsten Schweinefleischproben überschritten?

Schafft: Dem BfR liegt aus den Bundesländern bisher ein Ergebnis einer belasteten Schweinefleisch-Probe vor. Sie enthält eine Konzentration von 1,5 Picogramm Dioxin pro Gramm Fett. Das ist gering. Das übersteigt den Höchstwert von 1 Picogramm nur leicht. Ein Picogramm ist ein Billionstel Gramm, also eine Zahl mit zwölf Nullen.

Das klingt wenig. Doch wie groß ist die gesundheitliche Gefahr, wenn ein Mensch ein Stück dioxinbelastetes Schweinefleisch isst?

Schafft: Wenn jemand einmal oder gelegentlich eine Scheibe Braten, ein Schnitzel, ein Würstchen, Schinken oder Wurstwaren isst, braucht er nicht mit einer unmittelbaren Gefahr zu rechnen.

Heißt das Entwarnung?

Schafft: Nein. Denn wir nehmen, ob wir wollen oder nicht, immer geringe Mengen von Dioxin auf. Auch ganz ohne Skandal. Dioxin ist ein Umweltgift, das überall vorhanden sein kann, insbesondere in hoch industrialisierten Regionen. Auch wenn sich zum Beispiel die Emissionen von Müllverbrennungsanlagen stark verringert haben: Dioxin ist noch da. Nutztiere nehmen es auf, es findet sich in geringen Mengen in Milch, Eiern, Fleisch und Fisch. Das ist eine mächtige Fracht. Denn Dioxin lagert sich auch beim Menschen im Körperfett ein. Immer wieder neu. Es wird nicht abgebaut. Das macht es so tückisch.

Was heißt das für die Gesundheit älterer Menschen?

Schafft: Das wissen wir noch nicht genau. Wir machen Tierversuche, aber keine Untersuchungen bei Menschen. Schon bei verschiedenen Arten von Versuchstieren gibt es unterschiedliche Langzeit-Wirkungen. Dazu zählen zum Beispiel Störungen des Immunsystems, des Nervensystems oder des Hormonhaushalts.

Macht es einen Unterschied, ob Menschen Eier, Schweine- oder Geflügelfleisch mit erhöhten Dioxinwerten essen?

Schafft: Nein. Entscheidend ist, wie viel Dioxin sich im Fettgewebe angelagert hat. Beim Ei passiert das vor allem im Eigelb, beim Fleisch mehr im Fettgewebe als im Muskelfleisch.

Und wenn ich die Fettkruste vom Schweinebraten einfach abschneide?

Schafft: Dann senken Sie Ihr Dioxin-Risiko.

Wie können wir uns effektiver schützen?

Schafft: Als Verbraucher können wird uns kaum schützen, das ist das Problem. Wir wissen in einer globalisierten Welt meist nicht, wie unsere Lebensmittel produziert wurden. Das betrifft ja nicht nur Fleisch und Eier. Deshalb sind Überwachungs- und Kontrollsysteme sowie Unternehmerverantwortung so wichtig. Mit jedem Tag, an dem wir eine zusätzliche Dioxin-Belastung in Lebensmitteln erkennen und eindämmen, ist viel gewonnen. Damit solche Lebensmittel schnell vom Markt kommen - oder am besten gar nicht erst auf den Markt gelangen. Auch wenn das für manche Betriebe existenzgefährdend ist: Diese Maßnahmen sind gerechtfertigt.

Agrar / Gesundheit
12.01.2011 · 11:21 Uhr
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