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dpa-Gespräch: Überleben wird zum «Wunder»

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Köln (dpa) - Knapp eine Woche nach dem Erdbeben in Haiti werden noch immer vereinzelt Überlebende aus den Trümmern geborgen. Wie es möglich ist, so viele Tage begraben unter Gestein und Staub zu überstehen, erklärte Rainer Löb, Bundesarzt des Malteser Hilfsdienstes in Köln, in einem dpa-Gespräch.

Wie wahrscheinlich ist es, so viele Tage unter Trümmern zu überleben?

Rainer Löb: «Ohne Flüssigkeit mehr als drei Tage zu überleben, ist sehr unwahrscheinlich. Es kommt aber doch ab und zu mal vor. Es ist sicherlich wohl so, dass der ein oder andere noch ein bisschen Flüssigkeitsreserven hatte. Nichtsdestotrotz sind die Menschen, die man nach so langer Zeit findet, neben der psychischen Traumatisierung auch körperlich absolut entkräftet. Da muss man vorsichtig herangehen, sie vorsichtig mit Flüssigkeit auffüllen und mit Nahrung beginnen.»

Es werden auch immer wieder Kinder lebend gefunden, obwohl diese doch besonders rasch entkräften - Woran liegt das?

Rainer Löb: «Der Hauptfaktor ist, wie stark verletzt die Verschütteten sind. Kinder haben da eher Glück, weil sie eben sehr klein sind. Sie können auch in kleineren Hohlräumen überleben innerhalb der zerstörten Bauten.»

Ist der Unterschied zwischen der Hitze draußen und der Temperatur in den Schuttbergen ein Faktor?

Rainer Löb: «Die direkte Sonneneinstrahlung haben sie natürlich nicht, wenn sie verschüttet sind. Aber sie kommen nicht in so kühle Temperaturen, dass sie wirklich eine Protektion haben, etwa wie ein kleines Kind, dass im Frühjahr bei uns in einen Teich fällt. So kalt, dass der Körper durch das Herunterkühlen geschützt wird, wird es dort nicht.»

Wie schätzen Sie die Chancen für die Bergung von Überlebenden in den nächsten Tagen ein?

Rainer Löb: «Das ist mit jeder Stunde mehr so, dass man nur noch mehr oder weniger durch ein Wunder Überlebende finden wird. Es sei denn, die Verschütteten haben aus welchem Grund auch immer Flüssigkeitsreserven bei sich. Es gibt Einzelberichte, dass Menschen ohne Flüssigkeit länger überlebt haben, bis zu neun, zehn Tage. Aber das war meist bei viel kühleren Temperaturen als in Haiti.»

Wie schlimm ist ein Tod unter Trümmern?

Rainer Löb: «Das ist ein qualvoller Tod. Sie liegen dort unten, sie hören vielleicht auch schon das Räumgerät oder die Helfer, und die kommen nicht durch. Fürchterlich, sich vorzustellen, die Hilfe ist nur wenige Meter weg, zu hoffen, dass gleich jemand kommt, und die Helfer schaffen es nicht. Irgendwann nehmen sie es nicht mehr wahr, sie dämmern vor sich hin, haben Halluzinationen, verdursten schließlich.»

Autor: Annett Klimpel, dpa

Erdbeben / Haiti
18.01.2010 · 23:01 Uhr
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