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Dokumentation: «Streben nach Freiheit nicht zu stoppen»

Oslo (dpa) - Bei der Zeremonie zur Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo hat die norwegische Schauspielerin Liv Ullmann die persönliche Erklärung verlesen, die der Bürgerrechtler am 23. Dezember 2009 in seinem Prozess in Peking abgegeben hatte.

Er wurde zwei Tage später wegen «Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt» zu elf Jahren Haft verurteilt. Hier Auszüge der Rede in einer dpa-Übersetzung:

«(...) Ich möchte diesem System, das mich meiner Freiheit beraubt, noch sagen, dass ich zu meinen Überzeugungen stehe, die ich schon vor zwei Jahrzehnten in meiner "Erklärung vom 2. Juni zum Hungerstreik" (während der Demokratiebewegung 1989) geäußert habe: Ich habe keine Feinde und keinen Hass. Keiner der Polizisten, die mich beobachtet, verhaftet und verhört haben, keiner der Staatsanwälte, die mich angeklagt haben, und keiner der Richter, die mich verurteilt haben, sind meine Feinde. (...)

Eine Feindmentalität vergiftet den Geist einer Nation, zettelt einen brutalen moralischen Kampf an, zerstört die Toleranz einer Gesellschaft und die Mitmenschlichkeit und behindert den Fortschritt einer Nation in Richtung Frieden und Demokratie. Deswegen hoffe ich, über meine persönlichen Erfahrungen hinauszugehen, während ich auf die Entwicklung unserer Nation und den sozialen Wandel schaue, um der Feindseligkeit des Regimes mit äußerst gutem Willen zu begegnen und Hass mit Liebe zu zerstreuen. (...)

Es gibt keine Macht, die das Streben der Menschen nach Freiheit stoppen kann, und China wird letztendlich eine Nation werden, wo das Recht herrscht, wo Menschenrechte an höchster Stelle herrschen. (...)

Die glücklichste Erfahrung in den vergangenen 20 Jahren war die selbstlose Liebe meiner Frau Liu Xia. Sie konnte heute nicht als Beobachter im Gericht sein. (...) Ich sitze meine Strafe in einem konkreten Gefängnis ab, während du in dem unfassbaren Gefängnis des Herzens wartest. Deine Liebe ist das Sonnenlicht, das über hohe Mauern springt und die Gitterstäbe meines Gefängnisfensters durchdringt, jeden Zentimeter meiner Haut streichelt, jede Zelle meines Körpers wärmt und mir erlaubt, immer Frieden, Offenheit und Helligkeit in meinem Herzen zu bewahren, und jede Minute meiner Zeit in Haft mit Bedeutung erfüllt.

Meine Liebe für dich ist auf der anderen Seite so voller Reue und Bedauern, dass ich manchmal unter der Last ins Taumeln gerate. Ich bin ein empfindungsloser Stein in der Wildnis, gepeitscht von heftigen Winden und sintflutartigen Regenfällen, so kalt, dass sich niemand traut, mich zu berühren. Aber meine Liebe ist stark und scharf, imstande, jedes Hindernis zu durchbohren. Selbst wenn ich zu Pulver zermalmt werde, werde ich noch meine Asche nehmen, um dich zu umarmen.

Mein Schatz, mit deiner Liebe kann ich mich ruhig dem Prozess stellen, ohne dass ich meine Entscheidungen bereue, und optimistisch auf das Morgen warten. Ich sehe dem Tag entgegen, an dem meine Nation ein Land ist mit Meinungsfreiheit, wo die Äußerungen eines jeden Bürgers gleich behandelt werden, wo verschiedene Werte, Ideen, Glaubensrichtungen und politische Ideen sowohl miteinander im Wettbewerb stehen als auch friedlich koexistieren können, wo sowohl die Ansichten der Mehrheit als auch der Minderheit gleich garantiert werden, und wo insbesondere die politischen Ansichten, die sich von denen gegenwärtig an der Macht unterscheiden, umfassend respektiert und geschützt werden, wo alle politischen Ansichten unter der Sonne ausgebreitet werden, damit die Leute wählen, wo jeder Bürger seine Meinungen ohne Angst äußern kann, und wo niemand unter keinerlei Umständen politische Verfolgung erleidet, weil er abweichende politische Ansichten geäußert hat.

Ich hoffe, dass ich das letzte Opfer der endlosen geistigen Inquisition Chinas sein werde und dass von jetzt an niemand mehr wegen seiner Äußerungen beschuldigt wird. Meinungsfreiheit ist die Grundlage der Menschenrechte, die Quelle der Menschlichkeit und die Mutter der Wahrheit. Die Meinungsfreiheit zu strangulieren, tritt die Menschenrechte mit Füßen, erdrosselt die Menschlichkeit und unterdrückt die Wahrheit. (...)»

Links zum Thema
Osloer Nobelinstitut
Nobelpreise / Menschenrechte / China
10.12.2010 · 20:56 Uhr
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