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Doku: Türkische Mitbürger «gehören zu unserem Land»

Ankara (dpa) - Bundespräsident Christian Wulff hielt am Dienstag als erstes Staatsoberhaupt eine Rede vor dem türkischen Parlament. Im Zentrum seiner Rede in Ankara stand auch die Integration der türkischstämmigen Mitbürger in Deutschland. Wulff sagte unter anderem:

«... Ich grüße Sie alle und das große Volk der Türkei herzlich und überbringe Ihnen die guten Wünsche meiner Landsleute. ...

Und aus Deutschlands Geschichte ergeben sich Verantwortlichkeiten, die ich gerne auch hier ansprechen möchte. Für uns Deutsche, das wird jeder verstehen, ist das Existenzrecht und die Sicherheit des Staates Israel nicht verhandelbar. Wir sind aber auch davon überzeugt, dass die Sicherheit Israels langfristig nur durch die Schaffung eines unabhängigen, demokratischen und lebensfähigen Palästinenser Staates gewährleistet werden kann - eines Staates, der Seite an Seite in Frieden mit Israel existiert. ...

Sie sind in unterschiedlicher Weise gefährdet und Sie sind in unterschiedlicher Weise den Ambitionen Irans im Nuklearbereich gegenüber ausgesetzt. ... Wir teilen Ihre Sorge, dass es zu einem nuklearen Wettlauf im Nahen und Mittleren Osten kommt, wenn wir hier nicht rechtzeitig Einhalt gebieten. ...

Sie werden von mir ein Wort zu den vielen Mitbürgerinnen und Mitbürger türkischer Herkunft als größter Gruppe der Einwanderer in Deutschland erwarten. Sie sind in beiden Kulturen, Ihrer und unserer, zu Hause. Sie sind in unserem Land herzlich willkommen und sie gehören zu unserem Land. ...

Viele Menschen türkischer Herkunft haben inzwischen ... in Deutschland Wurzeln geschlagen, haben studiert, Unternehmen gegründet und zahlreiche wertvolle Arbeitsplätze geschaffen. Sie sind bei uns nicht wegzudenken. Sie sind deutsche Staatsbürger häufig geworden. Das ist ein gutes Zeichen. Ich ermutige alle in meiner Heimat, sich verantwortungsvoll einzubringen. ... Als ihr aller Präsident fordere ich, dass jeder Zugewanderte sich mit gutem Willen aktiv in unsere deutsche Gesellschaft einfügt. ...

Das Zusammenleben in Vielfalt ist aber natürlich auch für alle Beteiligten eine große Herausforderung und Aufgabe. Mir ist wichtig, dass wir die Probleme auch benennen, damit sie einer Lösung zugeführt werden. Dazu gehören das Verharren in Staatshilfe einiger, Kriminalitätsraten, Machogehabe, Bildungs- und Leistungsverweigerung. ... Es sind beileibe nicht nur Probleme von und mit Einwanderern! Durch multikulturelle Illusionen wurden diese Probleme regelmäßig unterschätzt. ...

Niemand, und das ist ja eine Sorge, die ich hier höre, niemand muss seine kulturelle Identität aufgeben oder gar seine Herkunft verleugnen. Letztlich geht es nur darum, dass die Regeln, die Gesetze des Zusammenlebens in der jeweiligen Gesellschaft zu achten sind und zu schützen sind. Dazu gehört in Deutschland die Verfassung, die Wert, die in ihr festgeschrieben sind: zu allererst die Menschenwürde, die freie Meinungsäußerung, die Gleichberechtigung von Mann und Frau und der religiös und weltanschaulich neutrale Staat.

Es geht auch darum, die deutsche Sprache zu lernen, Recht und Gesetz einzuhalten, sich mit den Lebensweisen der Menschen vertraut zu machen. Wer bei uns leben will, muss sich an die Regeln halten und unsere Art zu leben akzeptieren. ...

Die Türkei nähert sich mit diesen Reformen erneut ein Stück europäischen Standards an. Und ich möchte Sie ausdrücklich ermutigen, auf diesem Weg fortzuschreiten. Die Türkei hat die große Chance, und darauf setzen wir, zu zeigen, dass Islam und Demokratie, Islam und Rechtsstaat, Islam und Pluralismus überhaupt kein Widerspruch sind. ...

Wir halten an der Entscheidung fest, dass die Beitrittsverhandlungen in einer fairen und einer ergebnisoffenen Weise geführt werden. Und gleichzeitig erwarten wir, dass die Türkei ebenso ihre eingegangenen Verpflichtungen erfüllt. ...

Die Muslime in Deutschland können ihren Glauben in würdigem Rahmen praktizieren. ... Gleichzeitig erwarten wir, dass Christen in islamischen Ländern das gleiche Recht haben, ihren Glauben öffentlich zu leben, ihren eigenen theologischen Nachwuchs auszubilden und Kirchen zu bauen. In allen Ländern, vor allem in unseren beiden Ländern, sollten die Menschen die gleichen Rechte und Chancen genießen, unabhängig von ihrer Religion. Hier in der Türkei hat das Christentum zweifelsfrei eine lange Tradition. Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei. ...

Treten wir gemeinsam ein für eine wirtschaftlich starke, innovative, menschliche und dem Frieden verpflichtete Welt im 21. Jahrhundert. Ganz im Sinne des großen Mustafa Kemal Atatürk: "Frieden im Lande und Frieden in der Welt" - "Yurtta baris, dünyada baris".»

International / Bundespräsident / Deutschland / Türkei
19.10.2010 · 21:48 Uhr
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