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Diskriminierung - Warum sind Alte so unbeliebt?

Eine 49-jährige Büroangestellte hat die Wahl: Entweder reduziert sie von 120 auf 80 Stunden im Monat, arbeitet aber weiterhin genauso viel, oder sie sitzt künftig an der Kasse. Denn im Juli soll eine 19-jährige, frisch ausgebildete Mitarbeiterin ihren Bürojob übernehmen, den sie seit 16 Jahren macht.

Eine 71-Jährige will beim Arzt eine Mammografie durchführen lassen, weil sie weiß, dass das Brustkrebsrisiko für über 70-Jährige besonders hoch ist. Doch die Krankenkasse zahlt das ab 70 Jahren nicht mehr.

Der Pflegebericht der Krankenkassen vor knapp drei Wochen schockierte. 20 bis 40 Prozent der Heimbewohner in Deutschland werden nicht angemessen gepflegt – kann heißen, sie liegen sich wund, bekommen kein angemessenes Essen, nicht genug zu trinken, werden durch Medikamente ruhig gestellt oder am Bett festgeschnallt.

Nein, es ist nicht sonderlich angenehm, in diesem Land älter zu werden. Und das, obwohl Deutschland 2030 den höchsten Rentneranteil in der EU haben wird, wie das EU-Statistikamt Eurostat errechnete. «Wenn hierzulande jemand mit grauen Haaren oder Falten in der Disko auftaucht, fragen alle, was will der Alte hier», sagt Hanne Schweitzer. Es sei denn, er heißt Horst Seehofer oder Joachim Gauck oder Udo Lindenberg, für berühmte Alte gelten andere Regeln. «In England oder Amerika ist das ganz anders.»

Zu alt schon ab 30

Hanne Schweitzer, Alter egal, gründete 1999 in Köln das Büro gegen Altersdiskriminierung. Sie soll uns erklären, warum alte Leute so unbeliebt sind. «Was verstehen Sie denn unter ‹alt›?», fragt sie zurück. Naja, so ab 65, ab dem Rentenalter vielleicht. Doch die 49-jährige Bürokraft auf dem Abstellgleis, die sich per E-Mail an Schweitzers Büro gewandt hat, zeigt, dass «zu alt» schon viel früher beginnt.

Aber warum? Jetzt legt Hanne Schweitzer los. «Ältere sind lebenserfahrener und reflektierter, sehr viel politischer und selbstbewusster. Wer aus dem Westen Deutschlands kommt, hat erlebt, dass das Ziel von Politik die soziale Marktwirtschaft war, mit der Betonung auf sozial. Seit das Ziel der Politik die Rettung der Banken ist, hat sich sehr viel verändert. Leute, die noch an den Idealen von früher festhalten, sind nicht beliebt.»

Das gilt insbesondere in der Arbeitswelt, wo die Reallöhne seit Jahren sinken und junge, frische Arbeitnehmer das hinnehmen, um überhaupt einen Einstieg zu finden. Wie schnell man altes Eisen ist, merkt auch ein 30-Jähriger, der sich für die verbleibenden 37 Berufsjahre weiterbilden und ein Studium anfangen will. Bafög gibt's dann nämlich nicht mehr.

Warum die Wahrnehmung vom Alter noch immer von den Nazis geprägt ist

Kinder kommen mit ihren Großeltern meistens viel besser zurecht als mit den Eltern, Jugendliche freuen sich über den gelegentlichen finanziellen Obulus von Oma und Opa. Unbeliebt sind die Alten vor allem bei Arbeitgebern und Institutionen - und aus der Politik kommt keine Unterstützung, weil die Lobby fehlt. Zwar verbietet das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) grundsätzlich Diskriminerung, in der Praxis aber schlägt sich das Büro gegen Altersdiskriminierung häufig mit willkürlich wirkenden Altersgrenzen herum, und das ausgerechnet in Ehrenämtern, die als perfektes Engagement für Ruheständler gelten. Freiwillige Feuerwehr, Telefonseelsorge oder Hilfsdienst im Krankenhaus sind ab Anfang 60 Tabu. Man könnte die Grenzen abschaffen, doch es wird nicht vehement genug gefordert.

Dass es anders geht, zeigen die angelsächsischen Länder. Seniorenorganisationen gründeten sich dort nach dem Zweiten Weltkrieg, und Age Discrimination ist seit den 1960ern Thema. Als Hanne Schweitzer 1999 ihr Büro aufmachte, konnte kaum jemand das Wort Altersdiskriminierung aussprechen.

Denn die Kriegsgeneration, die «hochaltrigen Menschen», wie Schweitzer sie nennt, waren es nicht gewohnt, Ansprüche zu stellen. Sie waren dankbar, dass es aufwärts ging und sie überhaupt etwas bekamen. Und sie waren mit der Nazi-Ideologie aufgewachsen, nach der, wer alt und krank war, keinen Wert hatte. «Mit diesem Erbe schlagen wir uns herum. Aber das verändert sich jetzt», sagt Schweitzer.

Die jungen Alten von heute sind im Wirtschaftswunder aufgewachsen, sie haben die Welt gesehen und Lohnerhöhungen erlebt, von denen heutige Jungspunde nur träumen können. Sie wissen, dass man für sein Geld auch etwas erwarten kann, und sind auch nicht mehr bereit, 3000 Euro monatlich für ein verstaubtes Altenheim zu bezahlen.

Es trifft vor allem die Frauen

Denn dort manifestiert sich die systematische Benachteiligung der Alten auf besonders traurige Art. Die Atmosphäre ist muffig, die Löhne niedrig, die Arbeit zu viel, weil es an Personal mangelt, und die Stimmung schlecht. «Es sind Abstellorte, wo das Leben auf Essen und Schlafen reduziert wird», sagt Schweitzer, die hier noch eine zweite Art der Diskriminierung sieht: «Seien Sie sicher, wenn die Mehrzahl der Pflegebedürftigen Männer wären, hätte sich die Situation längst verändert.» Doch die werden meistens noch zuhause von ihren Frauen gepflegt - wenn die dann selbst bedürftig werden, müssen sie ins Heim.

Die Alten werden es auf die Dauer nicht mehr mit sich machen lassen, da ist sich Hanne Schweitzer sicher. Nun müssen noch die Jungen merken, dass sie auf der anderen Seite auch ausgebeutet werden, um schließlich gemeinsam die in die Zange zu nehmen, die entscheiden.

[news.de] · 11.05.2012 · 09:45 Uhr
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