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Die Kritiker: Spreewaldkrimi - Zwischen Leben und Tod

Im Koma muss Krüger eine Geschichte zusammensetzen. Das liefert die Basis für einen erstaunlichen Film, erzählerisch wie inszenatorisch.

Krüger (Christian Redl) ist ins künstliche Koma versetzt worden. Als sein Wohnwagen in die Luft geflogen ist, war er schon bewusstlos mit einer blutüberströmten Kopfverletzung auf dem Boden gelegen. Gut, dass Fichte (Thorsten Merten) ihn noch in letzter Sekunde aus dem Wrack befreien konnte.

Während Marlene Seefeldt (Claudia Geisler) nun mitgenommen an seinem Bett sitzt, ist Krüger mit seinen Komafantasien beschäftigt. Auf einem Paddelbötchen fährt er in finsterer Nacht einen wasserklaren Fluss hinab, in Gesellschaft eines alten Geistes: Karsten Hellstein (Kai Scheve). Der war ein geradliniger Mann, kompliziert, ehrlich, unbeugsam, rigoros, und brachte sich vor einigen Folgen um. Ein Suizid, von dem Krüger meint, er hätte ihn verhindern können. Die alte Schuld lässt ihn nicht los, wie er diese Antithese zum berühmten Styx hinaufpaddelt, den Fluss, auf dem er sich zu erinnern versucht.

Hellstein ist kein Dämon, er ist diesem introvertierten, komplizierten Krüger nicht böse. Im Gegenteil: Er hilft Krüger beim Verstehen. Wenige Tage vor dem Anschlag war er nämlich von Hellsteins Sohn Knut (Tom Gramenz) kontaktiert worden. Der wollte von einer Erpressung nutznießen, deren Opfer Bosse alter Stromkonzerne sein sollten, die nach der Wende im Osten unlauter Kasse gemacht hatten. Die Erpressung geht schief, und die Leidtragende ist die junge alleinstehende Mutter Jackie (Jasna Fritzi Bauer). Deren Beziehung zu Knut ist kompliziert: Vor Jahren, kurz nach dem Suizid seines Vaters, hatten sie ein kurzes Techtelmechtel. Doch das hielt nicht lang, Knut verließ die Stadt und Jackie bekam mit einem spanischen Wanderarbeiter ein Kind, der daraufhin zügig das Land verließ und nun keine Alimente bezahlt. Krüger ist ihre letzte Rettung: Und die alte Schuld, seine Sanftmut und seine innere Komplexität treiben ihn dazu, Knut zu schützen – und mit den Beiden die Sache aufzuklären und die Gefahr aus der Welt zu schaffen.

In all den unterschiedlichen Zeitebenen ist einiges an Puzzlearbeit vonnöten: doch nicht im Sinne eines Mitknobelkrimis mit allerhand Was-haben-wir-bis-jetzts und Wo-waren-Sie-vorgesterns, sondern im Geiste eines einnehmenden psychologisch-philosophischen Stoffes um existentielle Themen: Schuld, Wiedergutmachung, Rechtschaffenheit, Aufrichtigkeit. Die Sinnsuche erlaubt sich Komplexität und weicht den konkreten, aber zu kurz gedachten Fragestellungen gekonnt aus. Warum Karsten Hellstein sich damals umgebracht habe, will Krüger wissen. „Das ist eine Frage für Hinterbliebene“, wiegelt der in der Komafantasie gutmütig auf dem Spreewälder Anti-Styx ab. „Manchmal werden einem erst die Toten lieb“, sinniert Krüger an anderer Stelle, und erweitert so das Themenspektrum um Reue und Vergebung.

Filmisch ist Regisseur Kai Wessel mit diesem Film viel gelungen: die ruhigen, sanftmütigen Szenen, die bedachte Bildsprache, die dezente, nicht überladene und vielsagende Symbolik, klug, elegant und kunstvoll. Narrativ hebt sich „Zwischen Leben und Tod“ ohnehin von den zahlreichen anderen Reihen ab, die in ihren Spielort im Titel tragen. Der Spreewaldkrimi ist ein örtlich klar verwurzeltes Format, mit Figuren wie Fichte, die klar aus ihrer Region stammen: Doch das Format ist keine Einladung zum Heimeln, kein verklärender Landkitsch, keine intellektuell dürftige Bauerntölpelei. Stattdessen: ein narrativ und inszenatorisch starker, emotional rührender und intellektuell fordernder Krimi. Keine Alltäglichkeit auf diesem Sendeplatz.

Das ZDF zeigt Spreewaldkrimi – Zwischen Leben und Tod am Montag, den 13. November um 20.15 Uhr.
Meinungen / TV-Kritik / Die Kritiker
11.11.2017 · 08:00 Uhr
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