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Die Aufständischen: Taliban und Co.

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Kabul (dpa) - Noch im Herbst 2003 gaben sich die Amerikaner siegessicher. Taliban-Kämpfer hätten nur drei Optionen, sagte ein US-Militärsprecher in Afghanistan: «Leave, die or change».

Sie könnten den bewaffneten Kampf beenden, sie könnten sich an die Seite der afghanischen Regierung stellen, oder sie würden getötet werden. Kaum jemand rechnete mit einer vierten Möglichkeit: Dass sich die «Überreste» der Taliban wieder zu einer schlagkräften Guerilla-Truppe formieren würden. Zum Zeitpunkt der jetzigen Präsidentschaftswahl sind die Taliban mächtiger denn je seit dem Sturz ihres Regimes.

«Versuche, den Aufstand in Afghanistan vor allem durch militärische Mittel zu besiegen, sind nicht erfolgreich gewesen», sagt Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network. «Sie haben nur mehr Afghanen dazu gebracht, zur Waffe zu greifen.» Die ausländischen Truppen, die nach dem Sturz der Taliban zunächst von den meisten Afghanen begrüßt wurden, haben deutlich an Beliebtheit eingebüßt. Besonders die zivilen Opfer bei Militäroperationen schüren die Wut im Volk. Immer mehr Afghanen betrachten die Soldaten als Besatzer - genau diesen Eindruck wollen die Taliban erwecken.

Enttäuschung über die Regierung und ihre korrupten Vertreter, über die Rückkehr der Kriegsherren an die Macht, über eine immer noch nicht funktionierende Justiz sowie über den schleppenden Wiederaufbau haben den Taliban weiteren Zulauf verschafft. Schätzungen über die Stärke der aus Pakistan heraus unterstützten Aufständischen gehen weit auseinander und reichen von 10 000 bis hin zu mehreren zehntausend Kämpfern, von denen sich aber nicht alle vollzeit engagieren. So steigt etwa die Zahl der Anschläge und Angriffe nach der Mohnernte im Sommer regelmäßig an, weil Kämpfer von der Feldarbeit zurückkehren. Zwangsabgaben auf Anbau und Handel von Drogen spülen viele Millionen Dollar in die Kriegskasse der Taliban.

Der Begriff Taliban, der eigentlich Schüler bedeutet, hat sich als Bezeichnung für die Aufständischen in Afghanistan eingebürgert. Tatsächlich kämpfen neben den «klassischen» Taliban unter Mullah Omar, dem selbst ernannten «Anführer der Gläubigen», auch andere Gruppierungen, die mit den Taliban mehr oder weniger eng verbunden sind. Sie eint das Ziel, die «Ungläubigen» zu vertreiben und die Regierung von Präsident Hamid Karsai zu stürzen. Die Taliban von Mullah Omar, dessen Führungsrat die Bewegung aus Pakistan heraus lenken soll, wollen das Islamische Emirat Afghanistan wiederauferstehen lassen, das sie nach ihrem kometenhaften Aufstieg in den 90er Jahren schufen und bis Ende 2001 regierten.

Daher verwundert es auch nicht, dass die Taliban Verhandlungen ablehnen. Die Bedingung der von ihnen bekämpften Karsai-Regierung, die Verfassung anzuerkennen, ist für die Aufständischen nicht akzeptabel. Sie fordern als Voraussetzung für Gespräche den Abzug der ausländischen Truppen, deren Anwesenheit wiederum die einzige Überlebensgarantie der Regierung ist.

Zwar hat Karsai ebenso wie seine wichtigsten Konkurrenten für den Fall eines Wahlsieges verstärkte Bemühungen angekündigt, die inzwischen aus einer Position der Stärke heraus agierenden Aufständischen an den Verhandlungstisch zu bekommen. Alle zunehmend verzweifelten Versuche Karsais, sie zu Gesprächen zu bewegen, blieben bislang ergebnislos. So stehen die Taliban der Regierung und den ausländischen Truppen weiterhin unversöhnlich gegenüber.

Wie bereits 2004 hatten sie auch diesmal im Vorfeld zu einem Boykott der Präsidentschaftswahl aufgerufen. Statt zu wählen, müssten sich die Afghanen dem Dschihad, dem Heiligen Krieg, gegen die «ausländischen Invasoren» anschließen, forderten die Taliban auf ihrer Homepage. «Diese Wahl wird von den Amerikanern geplant und finanziert - auf der Basis welcher Logik können wir das als afghanisch geführten Prozess bezeichnen?»

2004 gelang es den Taliban trotz ihrer Drohungen nicht, die Wahl zu verhindern oder am Wahltag ein Blutbad anzurichten. Vor der aktuellen Abstimmung haben sie die Gewalt eskalieren lassen - bis hin zum Wahltag.

Konflikte / Wahlen / Afghanistan
20.08.2009 · 18:16 Uhr
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