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Deutsche zu Opfern für Atomausstieg bereit

Atomkraftgegner demonstrieren in BiblisGroßansicht

Berlin (dpa) - Die Mehrheit der Deutschen lehnt einen raschen Ausstieg aus der Kernkraft ab, wenn als Ersatz für die alten Meiler Atomstrom aus dem Ausland gekauft werden muss.

72 Prozent sind gegen Atomstromimporte, ergab eine repräsentative Umfrage des Kölner Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa. Allerdings sind die Bürger zu Opfern bereit, wenn ein Ausstieg ohne Atomstrom aus dem Ausland geschafft wird. Ein neuer Windpark soll derweil den Startschuss geben für mehr Windkraft von hoher See.

Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister und EU-Energiekommissar Günther Oettinger (beide CDU) flogen am Donnerstag per Hubschrauber zum ersten kommerziellen Offshore-Windpark in der Nordsee, rund 90 Kilometer nordwestlich von Borkum. Dort gingen drei weitere Anlagen des großen Windkraftprojekts «Bard Offshore 1» in Betrieb. In der Nordsee stehen derzeit 17 Windanlagen des Unternehmens Bard, von denen elf Strom liefern. Ende 2012 sollen alle 80 Windräder der 5-Megawatt-Klasse installiert sein. McAllister nannte die Windenergie eine Jahrhundert-Chance für die Nordseeküste.

Eine deutliche Mehrheit von 64 Prozent ist laut der YouGov-Umfrage dafür, angesichts der Katastrophe von Fukushima noch vor dem Jahr 2020 komplett aus der Atomkraft auszusteigen. Dafür sind die Bürger bereit, Stromtrassen und höhere Preise in Kauf zu nehmen: 66 Prozent würden es hinnehmen, dass in der Nähe der eigenen vier Wände eine Stromautobahn errichtet wird. Bis zu 3600 Kilometer an Höchstspannungsleitungen sind nötig, um zum Beispiel künftig Windstrom von der See in den Süden Deutschlands zu schaffen.

Mit rund 48 Prozent ist fast die Hälfte der Befragten bereit, bis zu 40 Euro mehr pro Jahr für den Strom zu bezahlen, wenn dadurch die Energiewende beschleunigt wird - darunter besonders viele Frauen. Jeder Zweite wünscht sich, dass sich ein schnellerer Atomausstieg nicht negativ auf den Klimaschutz auswirkt, mehr CO2-Ausstoß durch vermehrte Stromgewinnung aus Kohlekraftwerken also vermieden wird. Für die Umfrage wurden 1086 Bürger befragt.

Derzeit stehen 8 der 17 AKW wegen des Atom-Moratoriums der Regierung still. Aufgrund einer planmäßigen Revision liefert zudem die Anlage im bayerischen Grafenrheinfeld für einige Wochen keinen Strom. Bis Mitte Juni entscheidet die Regierung, welche Meiler für immer vom Netz müssen und wie lange die anderen noch laufen dürfen.

Wegen der abgeschalteten Kraftwerke wird verstärkt Atomstrom aus Frankreich importiert. Energieversorger warnen, dass dies zu einem Dauerzustand werden könnte, falls die Regierung überstürzt aus der Atomkraft aussteige. Die vermehrten Importe haben aber nichts mit Stromknappheit in Deutschland zu tun - sondern damit, dass dieser Strom zu gewissen Tageszeiten für die Stromhändler günstiger ist, weil billiger Atomstrom aus deutschen Atomkraftwerken wegfällt.

Die CSU verlangt eine «nationale Kraftanstrengung» und schnelle Signale für den Umbau der Energieversorgung. «Ich denke da an mehrere Milliarden Euro, alles andere bringt nicht genügend Fortschritte», sagte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt der «Süddeutschen Zeitung». Es müssten «für kommende Haushalte von Bund und Ländern klare finanzielle Zielvorgaben für Investitionen beschlossen werden.» Die Menschen müssten «erkennen, dass wir finanziell und baurechtlich klare Prioritäten setzen. Das ist auch eine Frage des Vertrauens.»

Angesichts der Atomkatastrophe in Fukushima fordert ein führendes Beratergremium der Regierung einen «Gesellschaftsvertrag» zwischen Politik und Bürgern, um so rasch wie möglich eine grüne Energiewende zu schaffen. Nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen ist ein ehrgeiziger globaler Klimaschutz auch ohne Kernenergie möglich. Statt weiter stark auf Kohle und Öl zu setzen, müssten die Öko-Energien sowie die Stromnetze rascher ausgebaut werden. Dies kann nach Meinung der Forscher nur gelingen, wenn die Bürger besser mitgenommen werden.

«Wir sind der Meinung, dass es darum geht, für das 21. Jahrhundert einen neuen Gesellschaftsvertrag auszuhandeln», sagte der Vorsitzende Hans Joachim Schellnhuber bei der Vorstellung eines entsprechenden Gutachtens am Donnerstag in Berlin. Der Leiter des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sagte, Deutschland sei hier weiter als viele andere Staaten, was etwa die Debatte über eine schnellere Energiewende betreffe. Er hoffe auf eine «Nachhaltigkeitsrevolution», eine Ökoenergie-Wende berge riesiges ökonomisches Potenzial.

Einer Untersuchung des Wuppertal Instituts und der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF) zufolge könnte mit konsequenterem Energiesparen bis zum Jahr 2020 der Strom von zehn Atomkraftwerken eingespart werden. In einem Zehn-Punkte-Programm wird unter anderem eine bessere Unterstützung von Hausbesitzern bei Sanierungsvorhaben vorgeschlagen. Weniger Stromverbrauch könnte auch die Netze entlasten und den Ausbaubedarf in diesem Bereich mindern.

Allein im Stromsektor könnten etwa durch den Austausch alter Pumpen, bessere Gebäudedämmung und effizientere Beleuchtung jährlich 68,3 Mrd. Kilowattstunden (kWh) Strom bis 2020 eingespart werden. Das entspreche der Jahresproduktion von etwa zehn Atomkraftwerken. Durch Effizienzmaßnahmen im Wärmebereich können zudem jährlich 155 Mrd. kWh an Energie eingespart werden. Die Unternehmensinitiative taxiert den finanziellen Einspareffekt auf bis zu 19,3 Milliarden Euro pro Jahr. Dem stünden Investitionen von 11,8 Milliarden Euro gegenüber - und zwischen 260 000 bis 500 000 zusätzliche Arbeitsplätze.

Atom / Deutschland
07.04.2011 · 18:09 Uhr
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