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Deutsche rechnen mit Zwei-Klassen-Medizin

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Berlin (dpa) - Trotz Gesundheitsreform fürchten die meisten Bundesbürger drastische Einschnitte bei ihrer medizinischen Versorgung. So erwarten 72 Prozent eine Zwei-Klassen-Medizin.

«Die Mehrheit der Bevölkerung erwartet steigende Kosten, steigende Beiträge, gleichzeitig sinkende Leistungen», sagte die Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Renate Köcher, am Mittwoch in Berlin. 63 Prozent rechnen mit einer Beschränkung der Leistungen der gesetzlichen Kassen auf eine reine Grundversorgung, wie aus einer Allensbach-Umfrage im Auftrag des Finanzdienstleisters MLP hervorgeht.

Trotz besserer Bezahlung blicken auch die immer zahlreicheren Ärzten überwiegend pessimistisch nach vorn. Der Anteil der Ärzte, die eine schlechtere medizinische Versorgung wegen steigenden Kostendrucks befürchten, stieg binnen eines Jahres von 69 auf 72 Prozent. 77 Prozent sehen ihre Therapiefreiheit bedroht. Ungeachtet ihrer Proteste in jüngster Zeit halten 55 Prozent der Praxisärzte ihre wirtschaftliche Lage für gut, bei den Klinikärzten sind es sogar 74 Prozent.

Mit Verschlechterungen rechnen aber 48 Prozent der ambulanten und 18 Prozent der stationären Ärzte. 56 Prozent der Ärzte fürchten, dass ihr Beruf an Attraktivität einbüßen wird. Trotz drohenden Ärztemangels vor allem in ländlichen Regionen würde mehr als die Hälfte der Mediziner angehenden Kollegen von der Niederlassung in einer Praxis abraten.

Der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery, forderte einen grundlegenden Politikwechsel. «Wenn wir feststellen, dass der überwiegende Teil der jungen Ärzte heute in Deutschland keine Perspektive mehr sieht (...), dann sind das absolute Alarmzeichen.» Es sei schlimm, dass der überwiegende Teil der Ärzteschaft mit «pessimistischer Frustration» in die Zukunft blicke. Die umstrittene Honorarreform hatte den 140 000 niedergelassenen Ärzten in Deutschland im ersten Quartal durchschnittlich 7,8 Prozent mehr Geld gebracht. Das Honorar für die Ärzte dürfte von rund 29 Milliarden 2008 auf 31,6 Milliarden Euro in diesem Jahr steigen.

Obwohl Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) dies vehement ablehnt, forderte Montgomery erneut, die Politik solle festlegen, welche Behandlungen den Kassenpatienten noch bezahlt werden sollen. «Wir brauchen eine ehrliche Diskussion über Priorisierung.» 79 Prozent der Bürger wie der Ärzte zweifeln daran, dass es längerfristig gelingt, eine gute Gesundheitsversorgung für alle sicherzustellen.

64 Prozent der Deutschen halten das hiesige Gesundheitssystem derzeit allerdings für gut oder sehr gut - der Anteil stieg seit 2008 um fünf Prozentpunkte. Auch wenn sie Einschnitte fürchten, glauben 57 Prozent der Bundesbürger, dass nicht alle derzeit verschriebenen Medikamente oder Behandlungen nötig sind.

Der Auftraggeber der Studie, der Finanzdienstleister MLP, hatte bei einem drastischen Gewinneinbruch insgesamt zuletzt eine positive Entwicklung beim Geschäft mit privaten Krankenversicherungen gemeldet. Die Erlöse in dieser Sparte hatten zwischen Januar und März um ein Fünftel auf 13,7 Millionen Euro zugelegt.

Gesundheit / Ärzte
05.08.2009 · 14:12 Uhr
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