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Der Welt droht ein Hungerjahrhundert

Slum in NairobiGroßansicht
Rom/Berlin (dpa) - Der Welt droht nach Einschätzung von Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen ein Jahrhundert des Hungers. Besonders verheerend wirke sich dabei die internationale Wirtschaftskrise aus.

Rund um den Globus stieg die Zahl der Hungernden 2009 auf 1,02 Milliarden Menschen, teilte die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) in Rom mit. Das sei der höchste Wert seit 1970. Noch im Jahr 2000 hatten die UN in ihren Millenniums-Zielen angestrebt, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren.

Nach dem diesjährigen FAO-Welthungerbericht bekommt zur Zeit statistisch gesehen jeder sechste Mensch auf der Erde nicht genug zum Essen. Insgesamt sind das 100 Millionen Notleidende mehr als noch im Jahr 2008. Die meisten unterernährten und hungernden Menschen leben in Entwicklungsländern.

Nach Angaben der Welthungerhilfe sind in Asien 642 Millionen Menschen betroffen, im südlichen Afrika 265 Millionen und in Lateinamerika 53 Millionen. Die FAO zählt noch 15 Millionen Betroffene in den Industrieländern dazu.

«Das 21. Jahrhundert droht zum Hungerjahrhundert zu werden», warnte Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, in Berlin. Die mit Abstand größte Not herrsche in Afrika südlich der Sahara. An der Spitze liege die Demokratische Republik Kongo, dicht gefolgt von Burundi, Eritrea, Sierra Leone, Tschad und Äthiopien. Als sehr ernst schätzt Dieckmann die Situation auch in Südasien ein - für Pakistan, Indien, Bangladesch und Kambodscha. In Lateinamerika fällt Haiti in diese Kategorie.

Der Welthunger-Index 2009 der Hilfsorganisation vergleicht Daten zu Unterernährung und Kindersterblichkeit aus 121 Entwicklungs- und Schwellenländern. Insgesamt leiden Menschen in 29 Ländern der Erde unter einem lebensbedrohlichen Nahrungsmangel. Die jüngsten Daten für den Index stammen aus dem Jahr 2007. Die Preiskrise bei Lebensmitteln sei damit noch gar nicht voll erfasst, sagte Dieckmann.

FAO-Generaldirektor Jacques Diouf forderte die Regierungen der Industrieländer auf, sich stärker gegen Hunger zu engagieren. Die technischen und ökonomischen Voraussetzungen seien dafür gegeben. So wie die Mächtigen der Welt «schnell, gemeinsam und kraftvoll» auf die Weltwirtschaftskrise reagiert hätten, sei nun «derselbe starke Einsatz gefragt, um den Hunger zu bekämpfen».

Da die armen Länder heute stärker in die Weltwirtschaft eingebunden seien als vor 20 Jahren, würden sie von Schwankungen auf den internationalen Märkten unmittelbarer betroffen als früher, erläuterte Diouf. Die wirtschaftliche Krise sei ausgebrochen, als bereits Nahrungsmittel-Notstand herrschte. Bedürftige Familien riskierten nun immer tiefer in die Hunger-Armuts-Falle zu geraten, heißt es in dem FAO-Bericht.

Als Hunger-Ursachen nennt die Welthungerhilfe für Afrika Kriege, schlechte Regierungsführung und Aids. In vielen anderen Staaten zeige sich auch ein enger Zusammenhang zwischen Mangel und der Lage der Frauen. Sind sie sozial, politisch und wirtschaftlich benachteiligt, sei die Not im Land messbar größer, betonte Dieckmann. Sie appellierte an die Industrienationen, bei Entwicklungshilfe die Gleichberechtigung von Frauen einzufordern.

Zwei von drei Hungernden lebten auf dem Land, ergänzte Dieckmann. Deshalb sei es besonders wichtig, mit Hilfe bei kleinbäuerlichen Strukturen anzusetzen. «In Dörfern ist es möglich, auf ein Niveau ohne Hunger zu kommen», sagte sie. Im südlichen Afrika habe zum Beispiel Botsuana durch Bildungsprogramme für Mädchen und Frauen gewaltige Fortschritte gemacht.  Trotz der schlechten Gesamtlage hätten es Länder wie Tunesien, Fidschi, Malaysia, Vietnam, Nicaragua, Mexiko und Brasilien geschafft, die Not einzudämmen.

UNICEF besorgt um Kinder am Horn von Afrika

Unterdessen warnte das UN-Kinderhilfswerk UNICEF vor den Auswirkungen der anhaltenden Dürre am Horn von Afrika auf die Kinder in diesen Ländern. Allein in Somalia litten fast fünf Millionen Kinder Hunger. Angesichts des andauernden Bürgerkriegs sei dort die Versorgung mit Lebensmitteln besonders schwierig, berichtete eine UNICEF- Sprecherin am Mittwoch in Nairobi. Nach UN-Informationen benötigen mehr als 24 Millionen Menschen in Somalia, Dschibuti, Äthiopien, Eritrea, Kenia und Teilen Ugandas Lebensmittelhilfe und humanitäre Unterstützung - vier Millionen mehr als noch zu Jahresbeginn. UNICEF schätzt, dass rund 500 000 Kinder lebensbedrohlich unterernährt sind.

In den kommenden Wochen wird befürchtet, dass mit der Regenzeit auch das Wetterphänomen El Niño Überflutungen, Erdrutsche und Schlammlawinen auslöst. In Kenia hat die Regierung bereits Notfallpläne für die Evakuierung bedrohter Dörfer an Flüssen und Berghängen vorbereitet. «Unsere Bemühungen (den Opfern der Dürre zu helfen) sind mühsam, da unsere Notfallprogramme unterfinanziert sind», sagte Elhadj As Sy, UNICEF-Regionaldirektor für Ost- und Südafrika in Nairobi. Ende Dezember hatte UNICEF lediglich 35 Prozent der Mittel, die für Nothilfe in den sechs betroffenen Ländern benötigt werden.

UN / Ernährung / Hunger / Hilfsorganisationen
14.10.2009 · 16:09 Uhr
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