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Der Favorit: Hamid Karsai

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Kabul (dpa) - Hamid Karsai, so schrieb das US-Magazin «Newsweek» Ende 2001, habe «den härtesten Job der Welt». Kurz zuvor war der Paschtune auf der Afghanistan-Konferenz in Bonn zum Chef der Übergangsregierung des kriegsgeplagten Landes am Hindukusch ernannt worden - in Abwesenheit.

Karsai selbst verhandelte in Südafghanistan zu dem Zeitpunkt mit den Taliban über die Aufgabe ihrer letzten belagerten Hochburg Kandahar. Trotz Anschlägen auf sein Leben, trotz der Einsamkeit, die seine Aufgabe mit sich bringt, und trotz wachsender Unzufriedenheit im Volk über seine Regierung tritt Karsai am Donnerstag erneut als Kandidat für das Präsidentenamt an.

Ungeachtet der zunehmenden Kritik an seiner Regierung werden Karsai gute Chancen eingeräumt, nach seinem Triumph bei der ersten freien Präsidentschaftswahl vor fünf Jahren erneut als Sieger aus der Abstimmung hervorzugehen. Seine Herausforderer führen das nicht nur darauf zurück, dass er auf die Stimmen zahlreicher Paschtunen, der größten Bevölkerungsgruppe Afghanistans, zählen kann.

Gegenkandidaten werfen dem Amtsinhaber vor, den Machtapparat der Regierung für seine Wahlkampagne zu missbrauchen und so die Abstimmung schon im Vorfeld zu manipulieren. Mehrere Konkurrenten konnte Karsai zur Aufgabe bewegen, wohl kaum, ohne ihnen eine Gegenleistung nach einem Wahlsieg zu versprechen. Und Karsai gelang es, Mohammad Kasim Fahim aus der oppositionellen Nordallianz auf seine Seite zu ziehen: Der Warlord kandidiert als sein Vizepräsident.

Inhaltliche Fragen sind im afghanischen Wahlkampf, in dem es vor allem darum geht, Unterstützung von Stammesführern zu gewinnen, eher zweitrangig. Auch Karsai präsentiert keine großen Visionen zur Lösung der drängenden Probleme des Landes. Bei einer Wahlveranstaltung kündigte er kürzlich an, er werde den Versöhnungsprozess mit den Taliban vorantreiben, der in seiner Amtszeit ergebnislos blieb. Zudem werde er eine Große Ratsversammlung (Loja Dschirga) einberufen, um eine «neue Vereinbarung» mit den ausländischen Truppen auszuhandeln. «Der Gastgeber und der Gast sollten wissen, wer der Gast ist und wer der Gastgeber», sagte der Präsident.

Ohne die ausländischen Soldaten, die seine instabile Regierung schützen, wäre Karsai aber wohl kaum noch an der Macht. Trotz der Truppen ist Karsais Einfluss besonders in den Unruheprovinzen im Süden und Osten immer noch begrenzt. Wegen der Gefahr von Anschlägen verschanzt sich der 52-Jährige Vater eines jungen Sohnes meist im Palast in Kabul. Vom Volk ist Karsai, der mit einer afghanischen Ärztin verheiratet ist, weitgehend isoliert, und die Staatengemeinschaft steht ihm zunehmend skeptisch gegenüber.

Kritiker beschimpfen Karsai als Marionette der USA, doch die Beziehungen zu Washington haben sich seit dem Ende der Amtszeit von US-Präsident George W. Bush deutlich abgekühlt. Im Strategiepapier der neuen US-Regierung heißt es: «Die gesamte Legitimität der afghanischen Regierung wird auch untergraben durch zügellose Korruption und ein Versagen darin, Basisdienstleistungen für einen Großteil der Bevölkerung zu bieten.» Präsident Barack Obama hat Afghanistan zwar zu seinem wichtigsten außenpolitischen Projekt erkoren. Weder er noch seine Außenministerin Hillary Clinton haben Karsai aber bislang besucht.

Dabei galt Karsai auch wegen seines Werdeganges lange Zeit als Hoffnungsträger des Westens. Nach dem Abschluss seines Studiums in Indien 1983 zog Karsai nach Pakistan und schloss sich dort dem Widerstand gegen die sowjetischen Besatzer seiner Heimat an. Nach der Niederlage und dem Abzug der Roten Armee wurde Karsai, der sich selbst als «treu ergebenen Muslim und afghanischen Patrioten» bezeichnet, Vize-Außenminister.

Beim Ausbruch des Bürgerkrieges Mitte der 90er Jahre legte er das Amt nieder. Als die verfeindeten Mudschaheddin-Gruppen Kabul in Schutt und Asche legten, gehörte er zu den ersten Unterstützern der Taliban, von denen er sich aber bald enttäuscht abwandte. Bei einem mutmaßlichen Taliban-Anschlag starb 1999 sein Vater Abdul Ahad Karsai in Pakistan. «Der Sohn setzte den Kampf des Vaters gegen die Taliban fort», heißt es auf der Homepage des Präsidenten.

Nicht nur sein Engagement gegen die Taliban schien Karsai nach dem Sturz des Regimes zu einem geeigneten Kandidaten für das Amt des Präsidenten zu machen. Er gehörte nie zu den Warlords, die das Land terrorisierten. Karsai ist westlich orientiert, zugleich aber in den Traditionen des Landes verwurzelt. Neben den Landessprachen Paschtu und Dari spricht er nicht nur fließend Urdu, sondern auch Englisch. Doch die in ihn gesetzten Erwartungen hat Karsai längst nicht alle erfüllt. Nicht nur im eigenen Volk, auch im Westen wird die Frage immer öfter gestellt, ob der Präsident womöglich nicht die erhoffte Lösung, sondern Teil der Probleme seines Landes ist.

Internet: Büro des Präsidenten: www.president.gov.af

Konflikte / Wahlen / Afghanistan
20.08.2009 · 07:44 Uhr
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