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Deprimierte Ruhe im Bundestag

Gemeinsam mit anderen Parlamentariern und Bundestagsmitarbeitern schaut sich Bundestagspräsident Norbert Lammert das Spiel der Deutschen an.Großansicht
Berlin (dpa) - Was an diesem Tag ganz oben auf der Agenda steht, darüber sind sich ausnahmsweise einmal alle Bundestagsfraktionen einig: Fußball. Von 13.30 Uhr an herrscht im Reichstagsgebäude Ausnahmezustand. Sogar Vuvuzela-Tröten ertönen.

Abgeordnete und Mitarbeiter aller Parteien sitzen in ihren Fraktions- und Besprechungssälen und bangen mit. Die SPD konnte besonders viele Fußballbegeisterte aus den eigenen Reihen zusammentrommeln. Es nutzte am Ende alles nichts, beim 0:1 gegen Serbien waren am Freitag alle Politiker-Tipps für das zweite deutsche WM-Spiel in Südafrika falsch.

Er kommt 25 Minuten zu spät, aber er kommt. SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier huscht in den dunklen Raum. Gerade noch rechtzeitig zum ersten deutschen Tor, das dann doch keines war. «Das war abseits», erklärt Steinmeier seiner Sitznachbarin fachkundig. Die Arme reißt er trotzdem jubelnd in die Luft. Sein Tipp: «2:0 für uns.» Als Serbien den ersten Torerfolg verbucht, bleibt er ruhig. Die Hände vor der Brust verschränkt, ist ihm kein Ärger anzusehen. Erst als der Ball nicht ins Tor der Serben, sondern an die Latte geht, haut Steinmeier mit der flachen Hand auf den Tisch. Trotzdem: «Mit 2:1 bin ich auch noch zufrieden.»

Auch Bundestagspräsident Norbert Lammert schließt sich zum Fußballgucken der SPD-Fraktion an. Das Spiel verfolgt er die meiste Zeit über in stoischer Ruhe. SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil wendet seinen Blick ebenfalls nicht von der Leinwand ab. Vor dem Spiel hatte er sich siegessicher gegeben. «Die deutsche Elf wird gewinnen, weil sie Serbien nicht unterschätzt. Kondition, Technik und Teamgeist stimmen.»

Im Fraktionssaal der Grünen herrscht in der zweiten Halbzeit verzweifelte Stimmung. Als Poldi am Tor vorbeischießt, rauft sich Grünen-Fraktionschefin Renate Künast die Haare. «Eigentlich hatte ich 2:1 für Deutschland getippt, aber jetzt muss ich gucken, dass das nicht kippt.» Um sie herum angespannte Gesichter. «Das gibt es doch nicht», stöhnen die Fußballfans der Grünen.

Dem Linken-Fraktionschef Gregor Gysi hatte ein wichtiger anderer Termin schon zuvor die Fußballfreude verdorben. Einen Tipp gab er trotzdem ab: «2:1 für Deutschland.» Damit lag er ausnahmsweise einmal auf einer Linie mit der FDP. Der parlamentarische Geschäftsführer der Liberalen, Otto Fricke, prognostizierte vor dem Spiel: «Nach einem Rückstand von 0:1 gewinnen wir doch noch mit 2:1.»

Die CDU-Fraktion hatte am Vormittag noch «voller Optimismus» auf die Entscheidung geblickt. Während des Spiels dann gedrückte Stimmung - «dem Ergebnis entsprechend», sagt ein Fraktionsmitglied. Kanzlerin Angela Merkel ist am Nachmittag zwar nicht bei ihrer Fraktion vor der Leinwand. Sie wollte aber immer wieder von ihrem Aktenberg aufschauen und das Spiel verfolgen, sagte eine Regierungssprecherin.

Als Deutschlands Niederlage endgültig besiegelt ist, blickt Heil traurig in die Runde, nimmt aber die deutsche Mannschaft in Schutz: «Podolski hat viel Pech gehabt heute.» Immerhin, sagt er, sei das Ergebnis ein großer Ansporn für das Spiel gegen Ghana. Deprimierte Ruhe kehrt in den Bundestag ein. Nur der langgezogene Ruf einer Vuvuzela erschallt noch durch das Gebäude.

Fußball / WM / Bundestag
19.06.2010 · 09:30 Uhr
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