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Demografischer Wandel - Müssen wir unsere Städte abreißen?

Im Jahr 2060 leben in Deutschland rund 65 Millionen Menschen. Das sind fast 17 Millionen weniger als 2011. Zum Vergleich: Das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW) hat derzeit 17,8 Millionen Einwohner. Man könnte bis 2060 also problemlos Nordrhein-Westfalen räumen und die restlichen 800.000 Bewohner auf umliegende Bundesländer verteilen. Und dann von Aachen bis Minden, von Rheine bis Siegen ein riesiges Naturschutzgebiet einrichten. Rehe, Wildschweine und vielleicht auch Wölfe würden es sich in den verlassenen Fußgängerzonen Kölns, Essens und Düsseldorfs gemütlich machen.

Aber es muss ja nicht ein ganzes Bundesland sein. Ebenso gut könnten ein paar deutsche Städte aufgegeben werden. Wie wäre es mit den 26 größten Städten des Landes? Wenn man die Einwohnerzahlen von Berlin, Hamburg, München und Köln, über Leipzig, Hannover, Bielefeld und Münster bis hin zu Mönchengladbach - mit 258.000 Einwohnern Platz 26 in der Liste der deutschen Großstädte - zusammenzählt, kommt man auf 17,04 Millionen. Aus heutiger Sicht wäre es kein Problem, in den nächsten 50 Jahren alle diese Städte zu schließen. Man müsste nur die restlichen dort lebenden Menschen auf die frei werdenden Wohnungen und Häuser in anderen Teilen der Republik verteilen.

Genügend Wohnraum ist vorhanden. Schließlich haben heute von den 82 Millionen Deutschen bis auf etwa 330.000 Wohnungslose alle ein Dach über dem Kopf. Laut Statistischem Bundesamt gibt es aktuell 40,3 Millionen Haushalte, durchschnittlich leben zwei Deutsche gemeinsam in einem. Würde es dabei bleiben, bräuchten die 65 Millionen Deutschen in 50 Jahren nur noch 32,5 Millionen Haushalte - 7,8 Millionen Wohnungen und Häuser weniger als jetzt. Das bedeutet eine Menge Leerstand.

Millionen verlassen den Osten

Was macht man damit? Darüber diskutieren Städteplaner schon seit Jahren. Denn schrumpfende Städte sind in Deutschland nichts Neues. Nach der Wende verloren ostdeutsche Städte Hunderttausende Einwohner. Insgesamt verließen seit der Wende etwa 2 Millionen Menschen das Gebiet der ehemaligen DDR. Die Auswirkungen sind mancherorts extrem: Chemnitz hatte 2010 fast 51.000 Einwohner weniger als 1990, Halle sogar 77.000. Kleinere Orte wie Dessau, Hoyerswerda oder Aschersleben schrumpften um bis zu 40 Prozent.

Nur in Potsdam, Dresden und Leipzig hat sich der Trend mittlerweile deutlich umgekehrt, sie zählen zu den am stärksten wachsenden Städten in Deutschland. Damit befinden sie sich in illustrer Gesellschaft von Städten wie Berlin, München und Hamburg - wachsende Städte in einer schrumpfenden Gesellschaft. «Städte ziehen vor allem jüngere Menschen an. Das hängt mit ihrer Funktion als überregionale Bildungs- und Ausbildungszentren zusammen», erklärt Carsten Große Starmann von der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh.

Universitäten, Fachhochschulen und Ausbildungsplätze wirken auf Schulabsolventen wie Magneten. Und weil Städte immer mehr auf Grünflächen setzen und Spritpreise stetig steigen, was das Pendeln in Vororte zunehmend unattraktiv macht, bleiben viele Studenten auch nach dem Abschluss in der Stadt. «Die meisten Menschen haben das Bedürfnis, mit anderen zusammenzuleben - auch im urbanen Raum. Viele sehen inzwischen, dass man je nach Stadtteil auch in großen Städten sehr ruhig und grün leben kann und dabei zugleich dicht an der städtischen Infrastruktur bleibt», sagt Große Starmann.

Schrumpfen und wachsen zur selben Zeit

Trotzdem werden auch die Boomstädte irgendwann aufhören zu wachsen, weil einfach die Menschen fehlen, die zuziehen könnten. Schon heute gibt es parallel zu einigen wachsenden Großstädten viele schrumpfende. Und zwar längst nicht nur in Ostdeutschland. Die Einwohnerflucht trifft hauptsächlich ehemalige Industriestädte, die den strukturellen Wandel nicht bewältigen konnten. Eines der größten Problemgebiete in den alten Bundesländern ist das Ruhrgebiet - von Dortmund über Essen bis nach Bochum und Duisburg hat hier fast jede Stadt mit sinkenden Einwohnerzahlen umzugehen.

Das gelingt mal besser und mal weniger gut. Dortmund zum Beispiel hat laut Große Starmann den Übergang von der Industriestadt zum Dienstleistungszentrum hervorragend gemeistert und bleibt trotz leicht sinkender Bevölkerungszahlen äußerst konkurrenzfähig. Andere Städte wie Duisburg oder Gelsenkirchen haben noch zu kämpfen. In den letzten zehn Jahren verlor Gelsenkirchen 7,4 Prozent der Einwohner. Grund dafür sind die fehlenden Jobs, die Arbeitslosigkeit liegt bei 14,4 Prozent.

Große Starman glaubt dennoch, dass schrumpfende deutsche Industriestädten attraktiv bleiben können, nicht nur für junge Menschen, sondern auch für Ältere. Sie schrumpfen sich sozusagen gesund. Wenn die Kommune dabei bewusst eine neue, ältere Zielgruppe im Auge behält, ist der demografische Wandel auch eine Chance. «Wenn Menschen mit 60 oder 65 an der Grenze zum Austritt aus dem Erwerbsleben stehen, denken sie zunehmend darüber nach, ob die Lebensform in einem 150-Quadratmeter-Einfamilienhaus mit 1000-Quadratmeter-Grundstück abseits der Zentren auch dann noch die richtige ist, wenn man 75 Jahre und älter ist, nicht mehr so mobil und die Kinder längst aus dem Haus sind.» Mit einer altersgerechten Infrastruktur können Städte neue Einwohner locken.

Liverpool abreißen?

Ein englischer Städteplaner äußerte in einem Aufsatz die Idee, Städte, die während der industriellen Revolution schlagartig gewachsen sind, nun im postindustriellen Zeitalter zu verlassen. So könne man sich die milliardenschweren Umstrukturierungsprogramme sparen, die vom Steuerzahler finanziert werden.

Als Beispiel nannte er Liverpool, das 1930 mehr als 850.000 Einwohner zählte, nach dem Zweiten Weltkrieg aber einen krassen wirtschaftlichen Abstieg erlebte und um die Hälfte schrumpfte. Natürlich erntete er viel Ablehnung für diesen Vorschlag - vor allem die rund 430.000 Einwohner der englischen Hafenstadt waren wenig angetan. Carsten Große Starmann begrüßt die Idee als interessanten Denkanstoß, hält sie aber in der Praxis nicht für umsetzbar.

Dennoch muss man sich in einer schrumpfenden Gesellschaft mit den Folgen des demografischen Wandels auseinandersetzen. «Es wird in den nächsten Jahren definitiv einzelne Landstriche oder auch Stadtteile geben, die leer fallen. Man wird auch keine andere Wahl haben, als diese leer fallen zu lassen und irgendwann zurückzubauen», sagt Große Starman.

Er warnt vor zu starren Ansichten, wenn es um die eigene Heimat oder das liebgewonnene Viertel geht. «Man muss angesichts der uns erwartenden Veränderungen bereit sein, die Dinge ganz neu zu denken. Dazu sind wir nach wie vor häufig nicht bereit.» Nur wer offen in alle Richtungen ist, kann die Herausforderungen einer stark schrumpfenden Gesellschaft meistern. Kleiner Denkanstoß: 1835, vor noch nicht einmal 180 Jahren, lebten in Deutschland nur etwa 23 Millionen Menschen.

[news.de] · 01.03.2012 · 11:45 Uhr
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