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Demjanjuk prozessfähig - Angeklagter im Rollstuhl

Das Passfoto des mutmaßlichen NS-Kriegsverbrechers John Demjanjuk auf seiner Identifikationskarte aus dem Jahr 1948.
München (dpa) - Der Münchner Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk hat am Montag mit einem Befangenheitsantrag seiner Anwälte begonnen. Das Verfahren vor dem Landgericht München II dürfte weltweit einer der letzten Prozesse um NS-Verbrechen sein.

Demjanjuk soll 1943 als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen der SS geholfen haben, die größtenteils aus den Niederlanden stammenden Nazi-Verfolgten in die Gaskammern zu treiben. Hauptbeweismittel ist ein SS-Dienstausweis mit der Nummer 1393. «Abkommandiert am 27.3.43 Sobibor» ist handschriftlich darauf notiert. Die Verteidigung bezweifelt die Echtheit des Dokuments. Da Demjanjuk bisher zu den Vorwürfen schweigt, wird ein langwieriger Indizienprozess erwartet.

Der Angeklagte wurde im Rollstuhl in den Gerichtssaal gefahren. Die Ärzte haben festgelegt, dass wegen seiner angeschlagenen Gesundheit pro Tag nicht länger als zwei Mal 90 Minuten verhandelt werden darf. Aber er ist verhandlungsfähig - trotz mehrerer Krankheitsbefunde, wie Gutachter Albrecht Stein am ersten Prozesstag bestätigte. Auch zwei andere Sachverständige stimmten zu.

Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch begründete seinen Befangenheitsantrag damit, dass früher SS-Männer und Vorgesetzte unter Berufung auf einen Befehlsnotstand freigesprochen worden seien, sein Mandant aber für potenziell schuldig gehalten werde. Er könne deshalb kein Vertrauen in die deutsche Justiz haben.

Weil Demjanjuk kaum Deutsch spricht, muss die Verhandlung komplett übersetzt werden. Im Prozess unter Vorsitz von Richter Ralph Alt treten 19 Nebenkläger auf, die ihre Angehörigen in Sobibor verloren haben. Auch der Direktor des Simon Wiesenthal Centers in Jerusalem, Efraim Zuroff, reiste zum Prozessauftakt an, ebenso die Journalistin Beate Klarsfeld, die seit Jahrzehnten gegen die Vertuschung von Naziverbrechen kämpft. Wegen des großen Andrangs und der massiven Sicherheitskontrollen verzögerte sich der Beginn am Montag um mehr als eine Stunde.

«Es ist wichtig, noch einmal zu erleben, wozu Menschen fähig waren im Dritten Reich», sagte der frühere Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, am Rande des Prozesses. Keiner der noch lebenden Zeugen kann sich konkret an Handlungen Demjanjuks bei der Ermordung von Juden erinnern. Doch da das Lager allein der Vernichtung von Juden diente, folgert die Anklage, dass stets das gesamte Personal beteiligt war, wenn die Gefangenentransporte eintrafen. Bis zu 150 sowjetische Kriegsgefangene und 30 SS-Angehörige waren in Sobibor im Einsatz.

Demjanjuk war 1942 als Sowjetsoldat in deutsche Gefangenschaft geraten und entschied sich laut Ankläger zur Kooperation mit den Nazis. Im SS-Ausbildungslager Trawniki soll er zum Wachmann geschult und in Sobibor sowie später im KZ Flossenbürg eingesetzt worden sein. Einer der Hauptzeugen ist ein anderer sogenannter Trawniki, der mit Demjanjuk in Flossenbürg eingesetzt war.

Nach dem Krieg lebte Demjanjuk unter anderem in Feldafing in Oberbayern, bevor er in den 1950er Jahren nach Cleveland (US- Bundesstaat Ohio) auswanderte. Erst als sich die Vorwürfe gegen ihn verdichteten, entzogen ihm die USA die Staatsbürgerschaft. Nach langem juristischen Tauziehen wurde Demjanjuk im Mai dieses Jahres nach Deutschland abgeschoben.

Bereits 1988 war Demjanjuk in Israel als «Iwan der Schreckliche» vom Vernichtungslager Treblinka zum Tode verurteilt worden. 1993 wurde das Urteil aufgehoben, weil er verwechselt worden war. Demjanjuk kehrte darauf in die USA zurück.

Prozesse / Nationalsozialismus
30.11.2009 · 22:47 Uhr
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