News
 

DDR-Kinder im Westen - Gelernte Schizophrenie zwischen Ost und West

1977 durchtrennte Deutschland noch eine dicke Mauer, Grenzposten patroullierten mit großen Gewehren. Aus freien Stücken durfte niemand in den Westen. Es sei denn, er wurde dem Staat ungemütlich. So wie der DDR-Schriftsteller Hans Joachim Schädlich. Er hatte sich gegen die Ausbürgerung seines Landsmanns Wolf Biermann aufgelehnt und ein systemkritisches Buch verfasst. Nur knapp entging er einer Verhaftung. Nach langem Hin und Her wurde seinem Ausreiseantrag in die BRD stattgegeben. Mitten in der Nacht reiste er mit seiner Frau und den beiden Kindern aus. Tochter Susanne war damals zwölf, ihre Schwester Anna gerade mal vier.

So wie viele andere Künstler und Schriftsteller, Dissidenten und Regimekritiker mussten auch sie die DDR verlassen, von heute auf morgen ihre Zelte abbrechen, alles aufgeben, Freunde zurücklassen, ja sogar die eigene Familie. Die Eltern hatten sich vorher mit dem Gedanken anfreunden können. Doch die Kinder erfuhren erst im letzten Moment davon. Ein Spaziergang war es nicht, heißt das Buch der beiden Schwestern Schädlich, in dem diese Kinder nun erstmals ihre ganz persönlichen Geschichten erzählen.

18 Beiträge umfasst die Sammlung. Geschichten über die Auflehnung gegen eine Diktatur, gegen Abhöraktionen und die totale Überwachung. «Mein Geist war gespalten», schreibt etwa Nicki Pawlow in dem Buch. «Ich praktizierte eine gelernte Schizophrenie und ich beherrschte die Kunst der doppelten Zunge - wie die überwiegende Mehrheit der Menschen, die in der DDR leben mussten.»

Der Feind hörte mit

Im Osten wurden die Kinder schon sehr früh politisiert. Entweder durch die Ideologie der DDR oder, weil sich die Eltern gegen das bestehende System auflehnten. Was zu Hause besprochen wurde, durfte nicht nach außen dringen und auch nicht den Freunden erzählt werden. Denn nie war sicher, was diese davon weitererzählten an die Eltern, die möglicherweise für den Staat arbeiteten. Auch Anna und Susanne Schädlich mussten immer auf der Hut sein.

Dann ging es in den Westen und alles sollte besser werden. Hamburg war ihr erstes Ziel, viele weitere sollten noch folgen - von Stuttgart über Düsseldorf bis nach West-Berlin. «Das hatte berufliche Gründe», erzählt Anna. «Aber es war auch die Suche nach einem Ort zum Ankommen.» Denn nach ihrem Umzug in den Westen lebten sie zwar immer noch im gleichen Land - aber doch in einer völlig anderen Welt.

Kaugummiautomaten an den Hauswänden, exotisches Obst, neue Gerüche und Farben. Für die beiden Schwestern war es aufregend, den Westen plötzlich nicht mehr nur im Fernsehen zu sehen. «Doch die Freude und Abenteuerlust paarte sich schnell mit den Schwierigkeiten», sagt Susanne. Je länger sie in der Bundesrepublik waren, desto größer wurde ihre Sehnsucht nach dem, was sie zurücklassen mussten. «Ich hab mich immer zweigeteilt gefühlt.»

In der Schule konnte sie mit niemandem darüber reden. Ihre Klassenkameraden hatten keine Ahnung von dem, was sich auf der anderen Seite der Mauer abspielte. «Also habe ich irgendwann gar nichts mehr von mir erzählt, sondern nur noch versucht, nachzukommen bei dem, was sie wussten - Filmstars, Fernsehserien, Musikgruppen, Werbeslogans.»

«Meine Freundschaften sind alle zerbrochen»

Der Kontakt in die neue Welt war nicht einfach. Doch der in die alte noch viel weniger. «Meine Freundschaften sind damals alle zerbrochen. Das hing aber auch damit zusammen, dass das von Staatssicherheitsseite unterbunden wurde», sagt Susanne. Briefe, die sie geschrieben hat oder die ihr geschrieben wurden, sind nie angekommen. Später hat sie sie in den Stasiakten wiedergefunden.

Umgekehrt hatten aber auch die Freunde in der DDR Angst, in Kontakt mit den Ausgewiesenen zu bleiben. Tobias Schollak schreibt im Buch davon, dass er regelmäßig in die DDR gekommen ist und auch Kontakt zu seinen alten Freunden halten wollte. Aber der Vater einer seiner Kumpels sagte klipp und klar, dass er das nicht länger wünsche. «So verlor ich meinen ersten und besten Freund», schreibt Schollak. Bis heute haben die beiden nicht mehr miteinander gesprochen.

Es ist die Zerrissenheit, die diese Generation der DDR-Kinder bis heute begleitet. Stolz und Bewunderung empfinden die beiden Schädlich-Schwestern für ihre Eltern, dass sie sich gegen die Diktatur aufgelehnt und für eine bessere Welt gekämpft haben. Doch auch sie als Kinder waren dabei, auch sie wollen ihre Geschichte erzählen und damit endlich verarbeiten, was sie damals erlebt haben. Denn ein Spaziergang war es nicht.

Lesetipp: Ein Spaziergang war es nicht - Kindheiten zwischen Ost und West, Anna und Susanne Schädlich (Hrsg.), 320 Seiten, Heyne Verlag, 19,99 Euro.

[news.de] · 17.03.2012 · 10:42 Uhr
[0 Kommentare]

Die aktuellen Schlagzeilen

 
 

News-Suche

 

Weitere Themen