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Chronologie: Der Luftangriff bei Kundus

Bei der Bombardierung von zwei Tanklastwagen waren nach NATO-Angaben bis zu 142 Menschen getötet und verletzt worden, darunter 30 bis 40 Zivilisten.
Berlin (dpa) - In der Nacht zum 4. September gab der deutsche Oberst Georg Klein in Nordafghanistan den Befehl zur Bombardierung von zwei Tanklastwagen, die von den Taliban gekapert worden waren.

Dabei starben laut des nun übergebenen NATO-Untersuchungsberichts zwischen 17 und 142 Menschen, unter ihnen möglicherweise auch 30 bis 40 Zivilisten. Eine Chronologie des bisher schwersten Zwischenfalls mit Bundeswehrbeteiligung in Afghanistan.

3. September, 21.12 Uhr Ortszeit: Das deutsche Wiederaufbauteam in Kundus erhält die Information, dass Aufständische zwei Tanklaster entführt haben.

3. September, 23.14 Uhr: Die beiden Tankwagen bleiben im Flussbett des Kundus stecken, etwa 6,5 Kilometer südwestlich des deutschen Feldlagers. Der verantwortliche deutsche Kommandeur, Oberst Georg Klein, fordert ein US-Flugzeug an, um die Lage zu analysieren. Die Crew berichtet von Menschen mit Panzerfäusten und anderen Waffen.

4. September, nach Mitternacht: Zusätzlich angeforderte US- Kampfjets übertragen Live-Bilder in das deutsche Kommandozentrum. Nach deutschen Angaben versichert ein Informant telefonisch, dass es sich bei allen Umstehenden um Taliban handele. Opfer unter Zivilisten seien auszuschließen. Später berichten Augenzeugen, die Taliban hätten in der Nähe des Flusses lebende Dorfbewohner gezwungen, beim Bergen der Laster zu helfen. Zudem sollen Zivilisten zu dem Ort geeilt sein, um Benzin abzuzapfen.

4. September, 01.39 Uhr: Klein genehmigt im Kommandozentrum in Kundus den Luftschlag. Dabei folgt er laut Verteidigungsministerium in Berlin nicht der Empfehlung der Besatzung des US-Flugzeugs, eine 907 Kilogramm schwere Bombe abzuwerfen. Er entscheidet sich für eine 227-Kilogramm-Bombe, um größere Schäden zu vermeiden, heißt es.

4. September, 01.49 Uhr: Zwei Bomben treffen die Tankwagen. Auf den Bildschirmen in der Kommandozentrale der Deutschen in Kundus ist nach dem Abwurf eine Explosionswolke zu sehen. Einige kleine schwarze Punkte, die die wenigen Überlebenden darstellen, sind zu erkennen. Es ist zu sehen, wie sie sich von der Stelle wegschleppen.

4. September, morgens: Die Bundeswehr veröffentlicht um 6.00 Uhr deutscher Zeit eine Mitteilung zu der Attacke. Titel: «Erfolgreicher Einsatz gegen Aufständische im Raum Kundus». Als die ersten deutschen Soldaten am Angriffsort eintreffen, sind alle Leichen schon weg. Das Verteidigungsministerium erklärt: «Unbeteiligte sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht zu Schaden gekommen.»

6. September: Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) sagt, ein Bericht des Gouverneurs von Kundus weise 56 Tote und 12 Verletzte aus. Dagegen betont Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), falls es zivile Opfer gegeben haben sollte, bedauere sie das zutiefst.

13. September: Eine von Afghanistans Präsident Hamid Karsai eingesetzte Untersuchungskommission berichtet, es habe 99 Tote, darunter 69 Taliban-Kämpfer und 30 unschuldige Zivilisten gegeben.

21. September: Unter Verweis auf die laufenden Untersuchungen der NATO lehnt das Verteidigungsministerium eine Stellungnahme zu Vorwürfen gegen Oberst Klein ab. Medien und Verteidigungspolitiker hatten berichtet, er habe gegen die Regeln der internationalen Schutztruppe ISAF verstoßen, weil er die Bombardierung im Alleingang entschieden und die Taliban nicht gewarnt habe. Ferner habe die Grundlage für den Luftangriff gefehlt, weil die Bundeswehr-Truppen dafür «Feindberührung» hätten haben müssen. Es seien aber keine deutschen Soldaten am Ort des Geschehens gewesen.

28. Oktober: Franz Josef Jung (CDU) wird mit einem Großen Zapfenstreich - dies ist das höchste militärische Zeremoniell der Bundeswehr - nach vier Jahren aus dem Amt des Verteidigungsministers verabschiedet. Fast zeitgleich kommt der NATO-Bericht per Flugzeug aus Afghanistan in Deutschland an.

29. Oktober: Als einer seiner ersten Amtshandlungen muss sich der neue Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) mit dem Bericht beschäftigen. In einer Pressekonferenz sagt Bundeswehr- Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan, laut NATO habe es bei dem Luftschlag zwischen 17 und 142 Tote gegeben. Er habe nach dem Bericht keinen Grund daran zu zweifeln, dass Oberst Klein und die deutschen Soldaten militärisch angemessen gehandelt hätten. Er betont, es gebe weiterhin keine Bestätigung, dass durch den Luftschlag unbeteiligte Personen getötet worden seien.

6. November: Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe wird mit der Prüfung der möglichen strafrechtlichen Konsequenzen des Luftangriffs beauftragt. Der Generalbundesanwalt soll prüfen, ob der Angriff auf die Lastwagen im Sinne des Völkerstrafrechts zulässig war. Verteidigungsminister Guttenberg bezeichnet den Luftangriff als «angemessen».

Chronik / Konflikte / Bundeswehr / Afghanistan
28.11.2009 · 08:46 Uhr
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