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Chodorkowski an Weihnachten mit ganzer Familie in Berlin

Der russische Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski. Foto: Michael Kappeler

Berlin/Moskau (dpa) - Erstmals seit zehn Jahren kommt der aus dem Straflager entlassene Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski wieder mit seiner ganzen Familie zusammen. Seine Frau Inna und die drei Kinder der beiden wurden noch am Heiligabend in Berlin erwartet.

Der Sohn aus erster Ehe, Pawel, ist bereits in der Hauptstadt. Die Familie wolle auch den Jahreswechsel in Berlin feiern, sagte ein Sprecher Chodorkowskis der Nachrichtenagentur dpa.

Im Januar werde Chodorkowski dann in die Schweiz reisen, wo seine beiden 14-jährigen Söhne zur Schule gehen. «Es ist aber noch keine Entscheidung getroffen worden für irgendwelche langfristigen Pläne», betonte der Sprecher. Das russisch-orthodoxe Weihnachtsfest wird erst am 7. Januar gefeiert. Daneben ist der Jahreswechsel das zweite Hauptfest des Jahres.

Der Ex-Öl-Milliardär Chodorkowski war in der vergangenen Woche nach zehnjähriger Haft freigelassen worden und anschließend nach Berlin gereist. Dort traf er seinen 28-jährigen Sohn Pawel, der in New York lebt, nach zehn Jahren wieder. Seine anderen drei Kinder hatte der 50-Jährige auch während der Haft gesehen. Seine 22-jährige Tochter Nastja traf er zuletzt im September. Für Familientreffen - auch mit seiner Frau - wurde ihm einmal im Quartal für drei Tage ein Extra-Zimmer im Straflager zur Verfügung gestellt.

Wie es längerfristig für Chodorkowski weitergehen wird, ist noch unklar. Zunächst will er in die Schweiz reisen. Wie die Schweizer Nachrichtenagentur sda berichtete, hat er bei der Botschaft in Berlin bereits einen Antrag auf ein dreimonatiges Visum gestellt. Für Deutschland hat Chodorkowski ein Visum, das ein Jahr gültig ist.

Schweizer Politiker und Wirtschaftskreise würden es begrüßen, wenn sich der ehemalige Chef des Ölkonzerns Yukos in der Eidgenossenschaft niederlassen sollte. Die Schweiz gehört zu den bedeutendsten internationalen Drehscheiben des Handels mit Öl und anderen Rohstoffen; auch Yukos war deshalb seinerzeit in der Schweiz aktiv.

Für die Freilassung Chodorkowskis hatte sich auch der sozialdemokratische Zürcher Abgeordnete Andreas Gross eingesetzt. Der Politiker erklärte laut sda, der einstige Yukos-Chef verfüge in der Schweiz über so viel Geld, «dass er bis zu seinem Lebensende nicht mehr arbeiten müsse». Dies verdankt Chodorkowski einer Entscheidung des Schweizer Bundesgerichts in Lausanne. Es hatte 2004 dessen Gelder in der Eidgenossenschaft wieder freigegeben, nachdem die Vermögenswerte zunächst auf Antrag Moskaus blockiert worden waren.

Im Rahmen eines Rechtshilfegesuchs aus Russland hatte die Schweizer Bundesanwaltschaft laut sda ein Vermögen von 6,2 Milliarden Franken (5,1 Milliarden Euro) des Yukos-Konzern auf fünf Banken in der Schweiz eingefroren. Dagegen hatten Chodorkowski und seine Yukos-Mitstreiter Beschwerde eingelegt. Das Bundesgericht wies den russischen Antrag in Sachen Yukos 2007 definitiv zurück, weil der Kreml aus politischen Gründen gegen die Angeschuldigten in der Yukos-Affäre vorgegangen sei.

Im Jahr 2015 könnte Chodorkowski auch ohne Bezahlung seiner Millionenschulden beim russischen Staat nach Moskau zurückkehren. Die Staatsduma bereite ein Gesetz vor, das künftig eine private Bankrotterklärung ermögliche, sagte der Parlamentsabgeordnete Sergej Gawrilow der Zeitung «Iswestija» (Dienstag).

Der von Präsident Wladimir Putin begnadigte frühere Kremlgegner hat nach offiziellen Angaben 17,5 Milliarden Rubel (388,9 Millionen Euro) Schulden beim russischen Staat. Die Summe geht zurück auf ein umstrittenes Strafverfahren von 2003 wegen Steuerbetrugs bei Chodorkowskis inzwischen zerschlagenem Ölkonzern Yukos.

Der einst reichste Mann Russlands hatte in seinem Exil in Berlin erklärt, dass ihn auch ein Rechtsstreit um diese Summe von einer Rückkehr nach Russland abhalte. Chodorkowski geht davon aus, dass Putin ihn begnadigt hat, weil er ausreiste. Außerdem erhebt Chodorkowski keine Forderungen auf Rückgabe seines früheren Eigentums. Und er verzichtet darauf, die russische Opposition zu unterstützen.

Den am Montag freigelassenen Aktivistinnen der kremlkritischen Punkband Pussy Riot gratulierte Chodorkowski. «Das Wichtigste ist jetzt wahrscheinlich, in sich selbst die Kraft zu finden, um im Herzen nicht Hass und Bitterkeit zu bewahren nach diesen schweren Prüfungen der Gefängnishaft», schrieb er in einer am Dienstag veröffentlichten Botschaft. Die Freilassung politischer Gefangener mache die Machthaber «zumindest ein wenig humaner», so Chodorkowski.

Chodorkowski hatte mehr als zehn Jahre in Haft verbracht. Gegen ihn waren in insgesamt zwei umstrittenen Prozessen unter anderem noch Strafen wegen Geldwäsche und Öldiebstahls verhängt worden. Regulär wäre er im August 2014 aus dem Straflager entlassen worden.

Justiz / Menschenrechte / Russland / Deutschland
24.12.2013 · 16:49 Uhr
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