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Chilenen und Bolivianer vergessen die Feindschaft

Im Salpeterkrieg verlor Bolivien seinen Meerzugang an Chile. Seitdem versucht jeder bolivianische Präsident, den Chilenen ein Stück Strand abzutrotzen. Die Rettung des einzigen Bolivianers Carlos Mamani aus der Mine in Chile bringt die Erzfeinde einander näher.

Berlin/Copiapó (dpa) - Selten hat sich ein Präsident Chiles dazu herabgelassen, mit einem bolivianischen Fähnchen zu winken. Aber der 13. Oktober 2010 lässt auch die seit dem Salpeterkrieg (1879-1884) äußerst gespannten Beziehungen zum Nachbarn vergessen. Damals hatte Bolivien seinen Meerzugang an Chile verloren. Seit 48 Jahren haben beide Länder keinen Botschafter im anderen Land. Chiles Präsident Sebastián Piñera steht nun aber am Mittwochmorgen solidarisch neben der Frau des einzigen Bolivianers, der mit seinen 32 chilenischen Kollegen fast 70 Tage in 700 Meter Tiefe auf diesen Moment gewartet hat.

Als Carlos Mamani (23) um 8.08 Uhr MESZ aus der Rettungskapsel «Fénix 2» («Phönix») steigt, flattern ihm Dutzende rot-gelb-grüne Fähnchen zu. Der «Día D» ist auch ein historischer Schulterschluss zwischen Chilenen und Bolivianern. Piñera umarmt Mamani. Auch Boliviens Präsident Evo Morales reist im Laufe des Tages an, um Mamani in die Arme zu schließen.

Als seien sie beste Freunde, plaudert Morales mit Piñera am Bohrloch des Bergwerks San José, als gerade der 11. «Minero», der Chilene Jorge Galleguillos, aus der Erde gezogen wird.

Selten hat ein bolivianischer Präsident seinem chilenischen Amtskollegen so gehuldigt: «Ich bin überrascht und beeindruckt von der Arbeit des chilenischen Präsidenten», sagt Morales. Das Ganze sei eine einzigartige humanitäre Rettungsaktion, «ein historischer Akt». Und mit Blick auf die Rettung seines Landmanns Mamani sagte der erste indigene Präsident Boliviens: «Im Namen der bolivianischen Regierung kann ich gar nicht sagen, wie dankbar wir sind für diese Anstrengungen Chiles, die für das bolivianische Volk unvergesslich bleiben werden.»

Noch im Juni hatte der Sozialist Morales betont, die Beziehungen mit Chile auf Botschafterebene könnten nur wieder aufgenommen werden, wenn Bolivien wieder einen Pazifikzugang bekommt. Sein sozialistischer Bruder im Geiste, Venezuelas Staatschef Hugo Chávez, unterstützt Morales: Sein Traum sei es, eines Tages wieder seinen Fuß auf einen bolivianischen Strand zu setzen, sagte er einmal.

Auch wenn in Bolivien Quechuas, Aymaras und die Nachkommen der spanischen Eroberer Welten trennen, die Forderung nach einer Rückholung des Meerzugangs teilen sie. Seit mehr als hundert Jahren wartet auch die Marine darauf. Bis es so weit ist, dümpeln ihre alten Kähne weiter auf dem Titicacasee herum.

Die Chilenen mit ihrer weit stärkeren Wirtschaftskraft reden gerne sehr abfällig über die Bolivianer. Das Meer-Thema schwappt selbst in den Fußball hinein. Als chilenische Fans im Jahr 2000 bei einem WM- Qualifikationsspiel in La Paz «Vamos a la playa» («Lasst uns zum Strand gehen») sangen, reizten sie die Bolivianer bis aufs Blut. Die Polizei sorgte mit Schlagstöcken im chilenischen Block für Ordnung.

Am Mittwoch ist der Dauerstreit vergessen, die bolivianische Zeitung «Los Tiempos» feiert die chilenische Ingenieurskunst. Die Rettung Mamanis sei das Symbol einer neuen Einheit zwischen beiden Ländern. Morales lud Mamani und seine Frau dazu ein, mit ihm in der Präsidenten-Maschine zurück in die Heimat zu fliegen. Aber auch wenn Morales dem Geretteten zudem ein Haus und eine Arbeit in seinem Heimatland versprochen hat, ist sich Mamanis Frau Verónica Quispe gar nicht so sicher, ob sie überhaupt dauerhaft nach Bolivien zurück wollen.

Immer wieder ließ Mamani verlauten, dass er sich inzwischen eigentlich mehr als Chilene fühle. Vor drei Jahren war er dorthin gegangen, weil er in Bolivien nichts verdiente. Und seine Frau betont: «Wir sind ganz Chile dankbar, niemand hat uns aufgegeben.»

Notfälle / Chile
13.10.2010 · 22:47 Uhr
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