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Chantal, Kevin und Co. - Das Schicksal der Junkiekids

Im Jahr 2006 war es der zweijährige Kevin, den die Beamten des Jugendamtes tot im Gefrierfach seines Ziehvaters in Bremen fanden. Mitte Januar 2012 starb die elfjährige Chantal aus Hamburg den Methadontod. Nur zwei Beispiele, die stellvertretend für Tausende Kinder drogenabhängiger Eltern stehen. Schätzungen gehen von deutschlandweit 40.000 bis 50.000 sogenannter «Junkiekids» aus. Genau wissen könne das aber niemand, schließlich bewege man sich im illegalen Bereich, sagt der Kölner Suchtforscher Michael Klein.

Nur hin und wieder wird öffentlich, was diese Kinder zu Hause durchmachen. Meist dann, wenn es bereits zu spät ist. So wie im Fall der kleinen Chantal, die am 16. Januar an der Ersatzdroge Methadon starb, die die Pflegeeltern gegen ihre Heroinsucht nahmen. Wie konnte ein Kind unter den Augen des Jugendamtes sterben? Wer trägt die Verantwortung, was muss sich ändern? Fragen wie diese werden laut, Forderungen nach mehr Kontrolle und einem besseren Schutz der Kinder folgen.

Doch da liegt nicht allein das Problem: «Die Gesetze sind klar», sagt Suchtforscher Klein. Nach dem Todesfall Kevin wurde Paragraph 8a ins Kinderhilfegesetz eingeführt, der die Aufsichtspflicht des Jugendamtes und den Straftatbestand der unterlassenen Hilfeleistung betont. Seit 1. Januar 2012 gilt das Bundeskinderschutzgesetz und im Sommer soll das reformierte Vormundschaftsrecht in Kraft treten, das die Jugendämter stärker in die Pflicht nehmen soll. «Aber die konsequente Umsetzung in Politik und Behörden sowie die Qualifikation der Mitarbeiter in den Jugendämtern lassen stark zu wünschen übrig», mahnt der Experte an.

Sozialarbeit geht an der Realität vorbei

Im Fall Chantal wurde das einmal mehr deutlich. Denn die Pflegeeltern waren bereits als Drogenjunkies bekannt, nahmen an einem Substitutionsprogramm teil, das ihnen helfen sollte, mit der Ersatzdroge Methadon ihre Heroinsucht zu bekämpfen. Statt sich um Chantal zu kümmern, gaben sie ihr Methadon - vermutlich, um sie ruhigzustellen. Bis ihr Herz zu schlagen aufhörte. Die Aufsicht eines Pflegekindes hätten sie nie bekommen dürfen. Da ist sich Klein sicher. «Wenn es Indikatoren gibt, dass Pflegeeltern-Bewerber drogenabhängig sind, dann muss das ein Sozialarbeiter erkennen», sagt er.

Auch das Prinzip der «milieunahen Unterbringung» von Pflegekindern verurteilt er stark. «Kinder brauchen ein stabiles, gesundes und verlässliches Milieu, um sich gut entwickeln zu können.» Sie aus einer gestörten Familie herauszuholen und in eine andere mit ebenfalls gestörten Verhältnissen zu stecken, sei absolut unverantwortlich.

Gerade für die Psyche eines Menschen müssten Mitarbeiter von Jugendämtern und anderen Behörden viel mehr sensibilisiert werden. «Das Studium der Sozialarbeiter ist viel zu sehr auf andere Themen fixiert - Migration, interkultureller Dialog, Sprechen mit Delfinen und weitere, oft sehr theoretische, weltfremde Themen» beklagt Klein. Werden sie dann in der Realität mit psychischen Störungen, Drogen, Sucht und den Risiken in Familien konfrontiert, überfordert sie das.

Fehlverhalten mit Struktur?

Hinzu kommt: Mehr als 600 Jugendämter gibt es in Deutschland. Einheitliche Fachstandards haben sie aber nicht. «Jugendhilfe, Kinderärzte, Gesundheitsdienste, Erzieher in Kitas und Schulen arbeiten nicht wirklich gut zusammen, und der Informationsfluss funktioniert ebenfalls kaum», sagt Rolf Stöckel von der Deutschen Kinderhilfe.

Fehlverhalten also, das Struktur hat? Das Familienministerium weist in einer Stellungnahme jegliche Schuld von sich, beim Fall Chantal handle es sich um «das Versagen einer konkreten Behörde in einem konkreten Fall». Eine Garantie, dass solche Fehler außer in Hamburg sonst nirgendwo passieren, kann das Ministerium nicht geben. Schließlich gibt es keine einheitlichen Standards und Kontrollmechanismen.

Klein fordert deshalb eine «Kultur der vorwegnehmenden Verantwortung für Kinder, die nicht für sich selbst sprechen können». Die Amtsleitungen müssten mehr Courage zeigen, Missstände vor der Politik offenlegen und Veränderungen einfordern. Hausbesuche dürften vorher nicht angekündigt und drogenabhängige Familien nicht nur einmal monatlich besucht werden. Denn das Verhalten von Süchtigen könne sich innerhalb weniger Stunden dramatisch verändern.

«Selbst das beste Gesetz wird nicht zu 100 Prozent verhindern können, dass Kinder misshandelt oder vernachlässigt werden», schreibt das Familienministerium weiter in seiner Stellungnahme. Eine Aussage, die durchaus ihre Berechtigung hat. Zumindest aber die Zahl der zerstörten Kindheiten könnte reduziert werden - wenn Bund und Länder künftig nur etwas mehr auf die Umsetzung der Vorgaben achten würden, die es heute bereits gibt.

[news.de] · 08.02.2012 · 10:52 Uhr
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