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Castro übt Selbstkritik: System funktioniert nicht

Revolutionsführer Castro hat erstmals eingestanden, dass das politische System in Kuba nicht richtig funktioniert.Großansicht

Washington/Havanna (dpa) - Revolutionsführer Fidel Castro zweifelt an seinem politischen Lebenswerk. Der von ihm erkämpfte Sozialismus funktioniere nicht, sagte er in einem jetzt veröffentlichten Interview des US-Magazins «The Atlantic».

Und er nahm bei der Gelegenheit auch eine seiner umstrittensten außenpolitischen Positionen mit einer Breitseite gegen den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad zurück. Castro kritisierte Ahmadinedschad für die Leugnung des Holocaust. Die kubanischen Staatsmedien, die sonst jedes Wort des «Genossen Fidel» vermelden, schwiegen dazu.

«Das kubanische Modell funktioniert nicht einmal mehr für uns», sagte der 84-Jährige Castro dem amerikanischen Journalisten Jeffrey Goldberg, der gefragt hatte, ob das kubanische System noch immer exportwürdig sei. Goldberg war von der Regierung zu dem Interview mit Castro nach Havanna eingeladen worden. Sein Artikel wurde am Dienstag und Mittwoch in zwei Teilen in «The Atlantic» veröffentlicht.

Der US-Journalist hatte die Kuba-Kennerin Julia Sweig gebeten, an dem Gespräch teilzunehmen, um bei der Analyse der Antworten zu helfen. Sweig sagte, Castro habe mit seiner Äußerung die Revolution nicht infrage gestellt. «Für mich war es die Feststellung, dass im kubanischen System der Staat eine zu große Rolle im Wirtschaftsleben einnimmt», erklärte sie.

Eine derartige Analyse passe zu den Ereignissen und Reformbestrebungen der vergangenen Wochen. Erstmals dürfen in Kuba kleine Unternehmen mit Angestellten betrieben werden. Bauern dürfen Obst und Gemüse auf eigene Rechnung verkaufen. Und Ausländer dürfen Wohnungen und Land zur Nutzung für 99 Jahre erwerben. Geht es nach dem Willen der Hardliner in der kubanischen Führung, soll das Land aber auch nach dem Tod der Castro-Brüder sozialistisch bleiben.

Ein halbes Jahrhundert nach Einführung des Kommunismus setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass das sozialistische Modell nicht in der Lage war und ist, die schwere Wirtschafts- und Versorgungskrise der Insel zu überwinden. Wirtschaftsminister Marino Murillo durfte bereits vor wenigen Tagen sagen, der Staat könne nicht alles richten.

Fidel wolle seinem Bruder und Präsidenten Raúl Castro den Raum für Reformen schaffen, analysierte die Kuba-Expertin Sweig weiter, «damit dieser die notwendigen Reformen angesichts des sicheren Widerstandes der orthodoxen Kommunisten in Partei und Bürokratie in die Wege leiten kann».

Im ersten Teil des Interviews hatte Castro dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad geraten, den Holocaust nicht zu weiter leugnen und die Juden nicht mehr zu beleidigen. Es sei der Sache des Friedens dienlicher, die Einmaligkeit der Geschichte des Antisemitismus anzuerkennen und zu versuchen zu verstehen, warum die Israelis um ihre Existenz fürchteten, sagte Castro. Erneut warnte er vor einem Atomkrieg im Nahen Osten.

«Ich glaube, dass niemand mehr diffamiert worden ist als die Juden», sagte Castro. «Ich würde sagen, sie wurden viel mehr diffamiert als die Moslems. Sie wurden aus ihrem Land vertrieben, verfolgt und von der ganzen Welt als diejenigen misshandelt, die Gott getötet haben.» Die Existenz der Juden sei viel härter gewesen als «unsere», führte Castro weiter aus. «Es gibt nichts, was man mit dem Holocaust vergleichen könnte.»

The Atlantic

Reformen / Fidel Castro / Kuba
09.09.2010 · 16:05 Uhr
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