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Burschenschafts-Zoff - «Null Bock auf Nazis»

[/img]Christian J. Becker ist Mitglied bei der Bonner Burschenschaft der Raczeks. 1988 bis 1994 war er aktiv, seitdem ist er Alter Herr. Becker ist zudem Gründungsmitglied der Initiative «Burschenschafter gegen Neonazis», in der 20 Burschen und Anwälte gegen rechte Umtriebe in den Verbindungen kämpfen.

Die Raczeks polarisieren Burschenschaftsszene und Medien seit langem. Im vergangenen Jahr forderten sie, den Ariernachweis für neue Mitglieder einzuführen. Nun kämpft Becker vor Gericht gegen einen Bruder aus der eigenen Burschenschaft: Norbert Weidner. Es geht um die Frage, ob er Weidner als «Kopf einer rechtsextremen Bewegung» bezeichnen darf. Weidner ist Chef der Burschen-Verbandszeitung, hat den NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer als «Landesverräter» bezeichnet, war Mitglied in der mittlerweile verbotenen Nazi-Partei FAP. Das Landgericht Bonn wird sein Urteil am 11. Juli verkünden, hat in der mündlichen Verhandlung aber bereits anklingen lassen, dass die Bezeichnung Weidners als rechtsextremer Kopf wohl von der Meinungsfreiheit gedeckt sein könnte. Im Interview mit news.de erklärt Christian Becker die Kampfansage an die braunen Verbindungsbrüder.

Herr Becker, wie viele Burschenschafter sind rechts?

Becker: Wir schätzen, es sind 1500 von 10.000 Burschenschafter in der Deutschen Burschenschaft. Bei den Raczeks ist der Anteil noch höher, etwa 30 von 80 sind rechts. Unsere Burschenschaft hatte in den 1990er-Jahren ein enormes Nachwuchsproblem. Wir waren damals sehr offen für neue Mitglieder. Seit Herr Weidner im Jahr 1999 hinzu kam, haben die Raczeks einen deutlichen Rechtsruck erhalten – die Burschenschaft findet sich direkt oder indirekt in Verfassungsschutzberichten aus Bayern und Hamburg wieder.

Wie kam es zu dieser Unterwanderung?

Becker: Wir haben uns immer gewundert, weshalb so viele rechte Kameradschafter sich in den Burschenschaften wiederfinden. Normalerweise ist unser Klientel akademisch und liberal bis konservativ, aber eben nicht aus unakademischen Kameradschaften. Bei unserer Recherche haben wir festgestellt, dass ein damaliger NPD-Chefideologe 1996 das Konzept vorgegeben hat, dass Rechte in Burschenschaften einsickern und Geld und Strukturen nutzen sollen.

Die Einstellungen der Rechtsextremen fallen in den konservativen Burschenschaften doch aber zumindest auf fruchtbaren Boden.

Becker: Die Masse der Burschenschafter sind CDU- oder FDP-Wähler; ich persönlich stehe der SPD nahe. Von den mehr als 100 Burschenschaften im Dachverband sind 30 bis 40 rechts – die Mehrzahl der rechten Burschenschafter kommt aus Österreich.

Was ist das Ziel der Initiative «Burschenschafter gegen Neonazis»?

Becker: Wir haben null Bock auf Nazis in unseren Verbindungen. Und auch außerhalb. Unser dringlichstes Ziel ist, die rechte Bewegung aus Burschenschaftern, NPD und Kameradschaften in der Öffentlichkeit zum Thema zu machen.

Es scheint, als müssten Sie den Umweg über die Öffentlichkeit wählen, weil die Fronten innerhalb der Burschenschaft zwischen rechtsextremen und liberaleren Mitgliedern verhärtet sind.

Becker: Wir Burschenschafter haben seit 40 Jahren geschlafen, deshalb haben die Rechtsaußen und ihre Sympathisanten die parlamentarische Mehrheit erlangt. Aber auch im Dritten Reich hat sich ein Herr «demokratisch» zum Reichskanzler wählen lassen - von einem Parlament mit seinen Genossen. Deshalb verstehen wir unsere Initiative als parlamentarische und auch als außerparlamentarische Opposition. Sozusagen die «Buxen-Apo». Wir forderten, dass sich der Dachverband, die Deutsche Burschenschaft, auflöst – wegen Duldung, Finanzierung und Förderung von Rechtsaußen-Burschenschaftern.

Nun fordern wir Politik und Behörden auf, sich endlich des Problems anzunehmen und aktiv zu werden. Bisher ist davon nur etwas durch eine Anfrage der Partei Die Linke an die Bundesregierung zu merken. Wir halten es für einen Skandal, dass die Raczeks trotz sehr rechter Redner, der Aktion Arier-Antrag und eindeutiger Kameradschafter und NPDler in den Reihen nicht im Verfassungsschutzbericht NRW auftauchen.

Soll die Initiative ein Befreiungsschlag nach den negativen Schlagzeilen der vergangenen Monate sein?

Becker: In den vergangenen Jahrzehnten entstand das Bild, das alle Burschenschafter rechts seien. Langsam wird das Bild differenzierter, es wird zwischen rechtsextremen und demokratischen Burschenschaftern unterschieden.

Was werfen Sie Herr Weidner vor?

Becker: Ich werfe ihm vor, dass er höchstwahrscheinlich einer der Köpfe der rechtsextremen Bewegung aus Burschenschaftern, NPD und Kameradschaften ist. Dies ist eine Äußerung, die in Bezug auf die grundgesetzliche Meinungsfreiheit voraussichtlich zulässig ist. Das Landgericht Bonn wird darüber am 11. Juli entscheiden.

Sie sollen bei den Raczeks rausgeworfen werden. Was machen Sie dann?

Becker: Ich habe aktuell ein Hausverbot, am 25. August findet ein Konvent statt, auf dem der Ausschluss vermutlich vollzogen wird - gegen mich und einen weiteren liberalen Bundesbruder. Wir lassen uns nicht aus den Raczeks rauswerfen. Wir werden dann vor Gericht ziehen.

[news.de] · 07.07.2012 · 08:00 Uhr
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