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Bundeswehr zieht sich aus Talokan zurück

Bundeswehr in TalokanGroßansicht

Berlin/Kabul (dpa) - Die Bundeswehr hat sich wegen der gewaltsamen Proteste in Afghanistan vorzeitig aus ihrem Camp in Talokan zurückgezogen - gegen den Willen der Provinzregierung.

Der Gouverneur Abdul Dschabar Takwa warf den deutschen Soldaten vor, sich ohne Vorwarnung im 70 Kilometer entfernten Kundus in Sicherheit gebracht zu haben. «Wir wissen nicht, was wir tun sollen», sagte er. Der Bundeswehrverband begrüßte die Entscheidung dagegen.

Die Ausschreitungen wegen der unbedachten Koranverbrennung durch US-Soldaten hielten unterdessen den vierten Tag in Folge an. Mindestens neun Menschen starben am Freitag, Dutzende wurden verletzt. Erstmals waren Tote auch in Westafghanistan zu beklagen.

In Talokan hatten am Donnerstag rund 300 Menschen vor dem Bundeswehr-Stützpunkt demonstriert. Etwa 50 deutsche Soldaten verließen das Lager, nahmen alle Fahrzeuge, Waffen und Munition mit und machten sich auf den Weg nach Kundus. Das Camp Talokan wurde den Wachleuten der afghanischen Armee überlassen.

Die Provinzhauptstadt zählt mit 200 000 Einwohnern zu den zehn größten Städten Afghanistans. Das Bundeswehrcamp befindet sich im Gegensatz zu den anderen deutschen Feldlagern in Afghanistan mitten in der Stadt und ist daher schwer zu sichern.

Im vergangenen Mai waren bei einem Angriff von Aufrührern auf das Bundeswehrcamp mehrere Demonstranten getötet worden. Ein Mob hatte das Lager mit Molotowcocktails und Handgranaten attackiert. Zwei Bundeswehrsoldaten und vier afghanische Wachleute wurden verletzt.

Die Bundeswehr hatte ihre Tätigkeit in Talokan bereits am 15. Februar offiziell eingestellt, seitdem wird das Lager geräumt. Wie der Abtransport des noch verbliebenen Materials auf dem 90 mal 90 Meter großen Gelände fortgesetzt werden soll, ist noch offen. Bis Ende März soll er abgeschlossen sein.

Der Gouverneur zeigte sich «sehr besorgt» über den aus seiner Sicht verfrühten Abzug. «Sicherheitskräfte in Tachar hätten mehr Ausbildung, mehr Ressourcen und mehr Ausrüstung benötigt. Die lokalen Kräfte sind nicht gut ausgerüstet. Sie sind noch nicht bereit dazu, die gesamte Sicherheitsverantwortung zu übernehmen.»

Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes Ulrich Kirsch bewertete den Rückzug dagegen im Hessischen Rundfunk als kluges Ausweichmanöver. Der Grünen-Verteidigungsexperte Omid Nouripour meinte, das Camp in Talokan hätte schon lange geschlossen werden müssen. Es sei richtig, einem Risiko aus dem Weg zu gehen, statt Menschenleben auf beiden Seiten aufs Spiel zu setzen.

Der Reservisten-Präsident und CDU-Abgeordnete Roderich Kiesewetter äußerte sich dagegen kritisch. «Es wäre fatal, wenn das Zeichen an die afghanische Öffentlichkeit ginge, da müssen wir nur in kritischer Lage mit ein paar Steinewerfern auftauchen - und schon zieht sich die internationale Gemeinschaft zurück», sagte er der «Schwäbischen Zeitung».

Bereits am Donnerstag waren bei den Protesten mindestens acht Menschen getötet worden. Darunter waren neben sechs Demonstranten auch zwei Soldaten der Internationalen Schutztruppe Isaf, die ein Angehöriger der afghanischen Armee erschoss.

Der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe, US-General John Allen, rief zur Ruhe auf. «Ich appelliere an jeden im ganzen Land - Isaf-Angehörige und Afghanen -, Geduld und Zurückhaltung zu üben.» Die Isaf teilte mit, die gemeinsame Untersuchung mit den afghanischen Behörden zur Verbrennung von Koran-Exemplaren auf der US-Basis Bagram dauere an. Noch stehe kein Datum für ihren Abschluss fest.

Konflikte / Afghanistan / USA
24.02.2012 · 20:48 Uhr
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