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Bundeswehr-Exzesse in zahlreichen Truppenteilen

Haupttor der Edelweiß-Kaserne: Der Wehrbeauftragte Robbe berichtet über entwürdigende Rituale bei der Bundeswehr.
Berlin (dpa) - Die Affäre um entwürdigende Aufnahme-Rituale bei der Bundeswehr weitet sich aus. Der Bundestags-Wehrbeauftragte Reinhold Robbe legte dem Verteidigungsausschusses 23 Zuschriften von Reservisten vor.

Danach waren die Rituale der Gebirgsjäger im bayerischen Mittenwald bei weitem kein Einzelfall. In den Berichten werden Exzesse in zahlreichen Truppenteilen von der Marine bis zur Luftwaffe während der vergangenen vier Jahrzehnte geschildert. «Mittenwald ist nur die Spitze des Eisbergs», heißt es in einer Zuschrift.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg versprach erneut zügige Aufklärung. «Es ist jedem einzelnen Fall vernünftig nachzugehen und auch mit Nachdruck nachzugehen», sagte der CSU-Politiker am Dienstag in Berlin. Gegebenenfalls müssten Konsequenzen gezogen werden. Guttenberg schloss einzelne Disziplinarverfahren nicht aus, verwahrte sich aber gegen Pauschalurteile.

Der Wehrbeauftragte hatte den Verteidigungsausschuss bereits Mitte Februar über die Aufnahmerituale bei den Gebirgsjägern in Mittenwald informiert. Dort mussten Neulinge den «Fuxtest» über sich ergehen lassen, zu dem das Essen roher Schweineleber und Alkoholkonsum bis zum Erbrechen gehört. Die Enthüllung hatte für großes Aufsehen gesorgt und zu staatsanwaltlichen Ermittlungen geführt.

Als Reaktion erhielt Robbe insgesamt 54 Zuschriften. Die Exzesse in Mittenwald wurden in einigen Schreiben bestätigt. In anderen E- Mails aus den Jahren 1993/94 und 2003/2004 wird darüber berichtet, dass es ähnliche Rituale auch in Bischofswiesen-Strub, nur wenige Kilometer von Mittenwald entfernt gab: «Es werden ein paar Bier um die Wette getrunken, man muss um die Wette unter Stühlen durchrobben, zwischendurch erneut ein paar Bier trinken. Und muss aus einer ekligen Suppe (Stichwort: Rohe Leber) was trinken», schreibt ein Reservist. In einem anderen Schreiben heißt es, dass es die Gebirgsjäger-Rituale «bis vor einiger Zeit» auch in Bad Reichenhall gegeben habe.

Die Vorgesetzten wussten nach Angaben der Reservisten davon: «Bezogen auf die Dienstgrade muss ich sagen, dass ich davon ausgehe, dass so gut wie jeder Unteroffizier und Feldwebel, der eine Weile dabei ist, weiß was passiert und auch in welchem Umfang», heißt es in einer Mail. Ein anderer Absender berichtet: «Zu meiner Zeit hatte nahezu jeder Soldat, der in einem der Gebirgsjägerbataillone Dienst tat, zumindest andeutungsweise von den Dingen gehört, nicht nur die Hochzügler.»

Die Textsammlung Robbes weist aber auch darauf hin, dass es Vorgänge wie in Mittenwald in zahlreichen anderen Truppenteilen gab. Ein ehemaliger Obergefreiter, der zwischen 1996 und 1998 als Zeitsoldat an verschiedenen Standorten im Süden Deutschlands eingesetzt war, berichtet aus seiner Zeit im baden-württembergischen Ellwangen (Jagst) über verschiedene «Spiele». Beim Spiel «Jukebox» werde ein Soldat in seinen Spind eingeschlossen und darin dann umgestoßen, während er bestimmte Lieder singen müsse.

Ein anderer Soldat, der vor 20 Jahren auf einem Marine-Zerstörer eingesetzt war, berichtet vom sogenannten «Rotarsch-Ritual»: «Eine Bohnermaschine (eine mobile Maschine mit einer großen elektrisch betriebenen Borstenscheibe) wurde in Betrieb gesetzt und dem Rekruten an den nackten Hintern gehalten, bis dass dieser rot war.»

Bei einem Fernmeldebataillon im baden-württembergischen Bruchsal soll es in den 70-er Jahren ebenfalls Aufnahmerituale gegeben haben: «Aus der Küche gab es ausgehöhlte, mit allem Denkbaren aus der Küche angefüllte riesige Zwiebeln, die man ?Essen? musste. Spätestens jetzt haben sich bereits fast alle übergeben müssen.»

Robbe wird voraussichtlich an diesem Mittwoch vor dem Verteidigungsausschuss zu den neuen Erkenntnissen Stellung nehmen. Zuvor wolle er in der Öffentlichkeit keinen Kommentar dazu abgeben, sagte er der Deutschen Presse-Agentur dpa. «Selbstverständlich müssen alle zusätzlich eingegangenen Hinweise überprüft werden.» Erst dann könne eine Bewertung vorgenommen werden. Die Textsammlung ließ Robbe auch dem Heeresführungskommando und dem Verteidigungsministerium zukommen.

Verteidigung / Bundeswehr
23.02.2010 · 14:36 Uhr
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