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Bronze für die «Champions» - Löw zögert mit Ja-Wort

Sami Khedira wird von seinen Teamkameraden nach seinem Treffer gefeiert.Großansicht
Erasmia/Port Elizabeth (dpa) - Mit laufender Nase und heiserer Stimme führte der kränkelnde Bundestrainer seine «Champions» zum bronzenen Happy End - aber auf das ersehnte «Ja»-Wort zum neuen Vertrag muss die Fußball-Nation warten.

Wie vor vier Jahren Jürgen Klinsmann nach dem deutschen WM-Sommermärchen ließ sich auch Joachim Löw am Ende des bewegenden, aber unvollendeten Fußball-Wintertraums in Südafrika nicht zu einer schnellen Entscheidung hinreißen.

Der schon zu Jahresbeginn einmal geplatzte Poker der gesamten sportlichen Leitung um Löw mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist nach der Weltmeisterschaft am Kap aufs Neue eröffnet, der Ausgang aber völlig offen. «So ist es», bestätigte Löw am Sonntag. Klar ist nur, die Entscheidung soll «zeitnah» fallen. «Habe ich noch die Kraft und Energie, die Mannschaft weiter zu führen?», sagte Löw - ähnlich wie Klinsi 2006, der dann aufgab und in die USA zurückging.

«Die letzten neun Wochen waren unglaublich intensiv. Das hat schon viel Kraft gekostet», erläuterte Löw nach dem letzten WM-Partybeitrag der stark ersatzgeschwächten deutschen Elf beim 3:2 im Kampf um Platz drei gegen Uruguay in Port Elizabeth. «Aus tiefstem Herzen» dankte er den 23 Spielern und seinem Betreuerstab: «Wir haben sportlich ein weltmeisterliches Turnier gespielt, auch wenn wir den ganz großen Coup verpasst haben.» Einiges klang wie eine Abschiedsrede.

Bundespräsident Christian Wulff verteilte als begeisterter Tribünengast im Nelson Mandela Bay Stadion symbolisch Goldmedaillen an Kapitän Lahm & Co.: «Unser Land kann dankbar für diese Leistung und stolz auf diese Mannschaft sein», sagte Wulff am Sonntag als Überraschungsgast bei der abschließenden Pressekonferenz des DFB im Velmoré-Hotel. «Die Nationalmannschaft war bester Botschafter unseres Landes in der Welt», sagte das Staatsoberhaupt. Wulff möchte die Spieler schon bald im Schloss Bellevue in Berlin empfangen und mit dem Silbernen Lorbeerblatt auszeichnen. Löw will er mit dem Verdienstordnen der Bundesrepublik Deutschland besonders ehren.

Trotz Medaillen, Orden und großer Worte - die Sehnsucht bleibt ein Sieger-Pokal. «Das Herz sagt mir, dass wir eine große Zukunft haben. Irgendwann ist es das Ziel, einen internationalen Titel nach Hause zu bringen», sagte der famose Vize-Kapitän Bastian Schweinsteiger, der fest daran glaubt, dass es «irgendwann so sein wird». Auch der im letzten Spiel erkrankt fehlende Kapitän Philipp Lahm bescheinigte dem Team, «in allen Bereichen weltmeisterlich gearbeitet» zu haben.

Emotional war Löw auch nach dem Abpfiff in Südafrika ganz nah bei seiner «Mannschaft, der die Zukunft gehört». Gegen die starken «Urus» hatten ihn seine Jungs zum (vorerst) letzten Mal begeistert. «Champions stehen wieder auf, wenn sie mal verloren haben», lobte er die Moral, nach einem 1:2-Rückstand nochmals zurückzuschlagen. Sami Khedira sicherte mit seinem ersten Länderspieltor den Sieg (82. Minute) nach einem temporeichen und spannenden Spiel. Außerdem trafen der große Turnier-Gewinner Thomas Müller mit seinem fünften WM-Tor (19.) und Marcell Jansen (56.). Edinson Cavani (28.) und Diego Forlan (51.) hatten die «Urus» dazwischen in Führung gebracht.

«Die Spieler haben sich wie Champions verhalten in diesem Turnier», schwärmte Löw. «Wir fahren mit einem unglaublich guten Gefühl nach Hause.» Für 6.35 Uhr am Montagmorgen war die Landung des Airbus 380 der Lufthansa in Frankfurt am Main geplant. Statt eines großes Empfangs werden die Spieler - um 100 000 Euro WM-Prämie reicher - gleich in den Urlaub düsen. «Ich fliege sofort auf eine Insel», scherzte Per Mertesacker. Drei Wochen dürfen sie abschalten von den Turnierstrapazen und dem Druck, Druck, Druck. «Das Perverse ist, dass es in vier Wochen neue Ziele gibt mit der EM-Qualifikation und in der Bundesliga», stöhnte Mertesacker, platt wie alle anderen.

Rasch will auch Löw mit dem DFB Gespräche führen und eine Entscheidung treffen. Zwanziger, der am Sonntag weniger fordernd gegenüber dem Chefcoach auftrat, schwebt ein Zweijahresvertrag vor. Der DFB-Chef versprach grundsätzlich, dass der Verband dafür sorgen werde, dass das Nationalteam «bestens betreut, bestens ausgestattet und bestens geführt» Richtung EM 2012 geführt wird. Sportdirektor Matthias Sammer gilt als erste Bundestrainer-Alternative zu Löw.

Kaum ist der Zauber am Kap vorbei, steht schon in exakt einem Monat das nächste Länderspiel in Dänemark (11. August) an. 23 Tage später startet die Qualifikation für die Europameisterschaft 2012. «Ich hoffe, dass wir in zwei Jahren so weit sind, gegen Mannschaften wie Spanien noch besser zu spielen», äußerte Schweinsteiger.

Die Youngster-Truppe, aus der nur der im Spiel um Platz drei ein glänzendes WM-Debüt feiernde Ersatztorhüter Hans-Jörg Butt (26) aus Altersgründen ausscheidet, hat riesiges Potenzial - auch unabhängig von Löw. Die WM-Akteure hoffen, im Urlaub «positive Rückmeldungen» zu erhalten, wie Abwehrmann Mertesacker sagte. «Das ist die persönliche Entscheidung des Trainers. Aber der fußballerische Weg ist geebnet.»

In Südafrika überzeugte der jüngste WM-Kader seit 72 Jahren. Spieler wie der unglaubliche Jungstar Müller («es freut mich, dass ich so einen Superlauf hatte»), das große Spielmacher-Talent Mesut Özil, der erstmal gesetzte Torhüter Manuel Neuer oder Khedira bürgen für neue Top-Qualität.

Weitere Talente drängen nach. Auch ein alter Leitwolf wie Michael Ballack will zurück. Der eröffnete Machtkampf um die Kapitänsbinde zwischen Ballack und Lahm birgt bereits Zündstoff - «aber die Mannschaft steht über allem», mahnte Löw. Und sie bleibt hungrig, wie das WM-Schlusswort von Khedira belegte: «Wenn man sich mit dem dritten Platz zufrieden gibt, macht man irgendetwas falsch.»

Fußball / WM / Deutschland / Uruguay
11.07.2010 · 18:20 Uhr
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