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Brasilien: Frischer Wind im Wahlkampf um Lulas Erbe

Favoritin Dilma Rousseff muss überraschend in die Stichwahl.

São Paulo (dpa) - Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hatte lange vor Schließung der Wahllokale ein mulmiges Gefühl. «Ich habe auch nicht im ersten Wahlgang gewonnen, weder 2002 noch 2006», sagte der scheidende Staatschef am Sonntagvormittag bei der Stimmabgabe.

«Es dauert nur 30 Tage länger, wenn es in die zweite Runde geht.» Und so kam es. Seine Favoritin Dilma Rousseff, Top-Anwärterin auf den Titel der ersten Präsidentin Brasiliens, patzte und muss in die Stichwahl. Dort trifft sie auf José Serra, den Ex-Gouverneur des reichen Bundesstaates São Paulo, der mit 14 Prozentpunkten deutlich hinter der linken Politikerin der Arbeiterpartei (PT) liegt. Aber er wittert nach dem Urnengang Morgenluft. «Nicht die Umfragen haben gesiegt, sondern das Volk», rief er seinen Anhängern in der Nacht zum Montag zu. Gegenüber Rousseff hat er einen Vorteil: Er weiß, wie es im zweiten Wahlgang zugeht. Schon 2002 schaffte er es in die Stichwahl. Damals verlor er gegen einen zu mächtigen Gegner mit dem Namen: Lula.

Dass es nun erneut in die Verlängerung geht, hat er allerdings weniger seinem Ergebnis von knapp 33 Prozent zu verdanken als vielmehr der grünen Ex-Umweltministerin Marina Silva, die einen fulminanten Wahlkampf absolvierte. Der Wähler belohnte sie mit knapp 20 Prozent der Stimmen, fast doppelt so viele wie ihr anfänglich in Umfragen vorhergesagt wurden. Auch wenn sie am 31. Oktober nicht antritt: Ihre 19,6 Millionen Stimmen sind ein gewichtiges Pfund, das am Tag der Stichwahl entscheidend sein könnte.

Wem werden ihre Stimmen zufallen? «Das ist die Millionen-Dollar- Frage», sagte der renommierte Leitartikler der Zeitung «O Globo», Merval Pereira, im Fernsehen. «Marina ist der große Trumpf. Nicht nur die Grünen-Partei, sondern vor allem Marina wird darüber entscheiden, wen sie unterstützt.» Die Grünen können und wollen sich Zeit lassen. Sie sind in der bequemen Lage, auf Avancen der bisherigen Gegner zu warten.

Die Strategen im Lula-Lager hatten den grünen «Shooting-Star» lange unterschätzt. Silva kann auf eine ähnliche Biografie wie Brasiliens Präsident verweisen. Beide schafften den beschwerlichen Aufstieg aus allerärmsten Verhältnissen. Doch konnte die zierliche, aber resolute Frau offenbar auch bei der Stadtbevölkerung und in Künstler- und Intellektuellenkreisen punkten. Auch Brasiliens Top-Model Gisele Bündchen bekannte sich zu ihr.

Serra ging hinter den Kulissen schon auf Tuchfühlung zu den Grünen, und auch Rousseff dürfte an Silva nicht vorbeikommen. Beide kennen sich aus gemeinsamer Regierungsarbeit. Silva war Umweltministerin und warf 2008 aus Enttäuschung über Lulas Umweltpolitik das Handtuch. Ein Jahr später verließ sie auch dessen Arbeiterpartei. Während ihrer Ministerzeit geriet sie auch mit Rousseff öfters aneinander.

Die Grünen feierten ihre Kandidatin als Siegerin. Getrübt war die Stimmung hingegen im Lager Rousseffs. Hölzern trat sie am Abend vor ihre Anhänger und versprach dem Wahlvolk, in den kommenden Wochen noch mehr Details über ihre Vorschläge. «Wir sind gut im zweiten Wahlgang», versicherte sie mit Blick auf Lulas Stichwahl-Siege. «Morgen (Montag) beginnt die zweite Etappe.» Doch während Rousseff im Wahlkampf den Namen Lulas oft und gerne im Munde führte, nannte sie ihren Mentor am Sonntagabend kein einziges Mal.

Wahlen / Brasilien
04.10.2010 · 16:14 Uhr
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