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BP will Öl aus abgerissenem Rohr aufsaugen

Geborstenes ÖlrohrGroßansicht
New Orleans/Washington (dpa) - Hoffnung auf einen Durchbruch am Wochenende: Im Golf von Mexiko hat am Freitag ein neuer dramatischer Versuch begonnen, die Ölpest in den Griff zu bekommen. Das Öl soll direkt aus dem Rohr gesaugt werden, aus dem es seit mehr als drei Wochen ins Meer sprudelt.

Die Aufgabe ist äußerst kniffelig. Roboter mussten es zunächst schaffen, eine Leitung in das abgerissene Steigrohr einzuführen, das dann an der Verbindungsstelle mit einem Ring so abgedichtet werden sollte, dass kein Öl mehr nach außen gelangen kann.

Dies alles in 1500 Metern Tiefe - «wir wissen, dass das eine Herausforderung ist», räumte BP-Manager Doug Suttles ein. Das Expertenteam des Ölkonzerns zeigte sich trotz allem zuversichtlich, dass die Leitung zur Wasseroberfläche am Freitagabend (Ortszeit) «steht». Am Samstag werde man wissen, ob die Sache funktioniert. Klappt alles, könnten etwa 85 Prozent des austretenden Öls abgesaugt werden. Der Rest käme zumindest vorerst weiter aus einer zweiten undichten Stelle, die nach dem Sinken der Ölplattform «Deepwater Horizon» am 22. April entstanden ist.

Unterdessen hat US-Präsident Barack Obama hat die Spitzenmanager der drei in den Ölunfall verstrickten Unternehmen in scharfer Form angegriffen. Der sonst so ausgeglichen wirkende Präsident warf ihnen am Freitag sichtlich wütend «ein lächerliches Schauspiel» vor und bezog sich dabei auf gegenseitige Schuldzuweisungen bei einer jüngsten Senatsanhörung zur Unglücksursache. Erneut versicherte Obama, dass er nicht ruhen werde, bis der Ölaustritt in den Golf von Mexiko gestoppt und die Säuberung von Wasser und Stränden abgeschlossen sei.

BP, die US-Küstenwache und Washingtoner Behörden, die zusammen einen Krisenstab bilden, sind bislang davon ausgegangen, dass jeden Tag etwa 700 Tonnen Rohöl ins Meer gelangen. Ob das jedoch stimmt, weiß niemand genau. Das räumte auch Suttles am Freitag ein. Er nannte die Zahl 700 aber eine «gute Schätzung».

Suttles reagierte auf Äußerungen eines Forschers, den der Sender CNN präsentierte. Steve Wereley, ein Professor an der Purdue University, glaubt, dass in Wahrheit etwa 9500 Tonnen täglich ins Wasser sprudeln. Seine Annahme basiert auf einem zweistündigen Studium von kürzlich veröffentlichten BP-Videoaufzeichnungen, die den Ölaustritt zeigen.

Das Steigrohr besteht aus zwei Teilen, einer Außenhülle und einem inneren Rohr mit einem Durchmesser von 23 Zentimetern, aus dem das Öl sprudelt. Es galt, in dieses innere Rohr eine Leitung mit einem Durchmesser von 15 Zentimetern einzuführen und die Verbindungsstelle abzudichten. Gelingt es nicht, das Öl durch diese «Direktleitung» aufzusaugen, will BP einen Stahlbeton-Zylinder auf das Rohr stülpen. Das in diesem Behälter aufgefangene Öl-Wasser-Gemisch würde dann ebenfalls auf ein Bohrschiff geleitet. Der etwa 1,50 Meter hohe Container steht schon auf dem Meeresboden. Vorteil der zunächst angewendeten Rohr-Methode: Es wäre ausschließlich Rohöl, das aufs Schiff gepumpt würde, und kein Mix - das sei effektiver.

BP arbeitet parallel zu den kurzfristigen Maßnahmen an einer Dauerlösung des Problems: Zurzeit wird ein Nebenzugang zum Hauptloch im Meeresboden gebohrt, durch den dann Mittel zum endgültigen Verstopfen der Quelle eingeleitet werden sollen. Das wird aber frühestens im August so weit sein.

Daneben arbeiten Experten noch an einer Reihe anderer Varianten. So könnte Ende kommender Woche versucht werden, das Ventilsystem am Hauptbohrloch mit Gummiteilen zu beschießen und dadurch abzudichten. Eigentlich sollte die Vorrichtung nach dem Unfall automatisch den Ölfluss stoppen, aber sie funktionierte nicht. Eine der weiteren Lösungsmöglichkeiten ist es, ein neues Ventilsystem auf das kaputte alte zu setzen.

Den Ölaustritt einzudämmen, gäbe den Einsatzkräften Zeit, sich verstärkt darauf zu konzentrieren, den Ölteppich auf dem Wasser abzusaugen, mit Chemikalien zu zersetzen oder abzufackeln. Bislang war es gelungen, schwerere Teile des Teppichs von den Küsten der anliegenden US-Bundesstaaten fernzuhalten.

Er habe es nicht gut gefunden, wie die Manager bei dem Hearing übereinander hergefallen seien und mit dem Finger aufeinander gezeigt hätten, sagte Obama in Washington nach einem Treffen mit Vertretern der Behörden, die am Kampf gegen die Ölpest beteiligt sind. «Ich war nicht beeindruckt.» Im Übrigen, so machte Obama klar, gebe es genügend Schuld zum Verteilen. Das betreffe auch die Regierung. Viel zu lange habe es ein «behagliches» Verhältnis zwischen den staatlichen Regulatoren und der Ölindustrie gegeben, sagte Obama. Das werde sich ändern. «Es ist ziemlich klar, dass das System versagt hat, und es hat schwer versagt», sagte der Präsident.

Bei der Anhörung im Energieausschuss des Senats am Dienstag hatte der Chef von BP Amerika, Lamar McKay, den Eigner der Ölplattform Transocean attackiert, von dem BP die gesunkene Bohrinsel geleast hatte. Das in der Schweiz ansässige Unternehmen Transocean sieht die Verantwortung hingegen eindeutig bei BP, immerhin habe der britische Konzern das alleinige Sagen auf der Plattform gehabt, sagte Transocean-Chef Stephen Newman. Der Ölfeldausrüster Halliburton, der unter anderem mit Zementarbeiten am Bohrloch beschäftigt war, wies ebenfalls jede Verantwortung zurück. Sein Unternehmen habe strikt nach BP-Anweisungen gehandelt, sagte Halliburton-Präsident Tim Probert.

Website der am Einsatz beteiligten US-Behörden und Unternehmen: www.deepwaterhorizonresponse.com

Umwelt / USA
14.05.2010 · 20:34 Uhr
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