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Bestürzung über Mord an Italiener im Gazastreifen

Der italienische Friedensaktivist Vittorio Arrigoni (r) im August 2008 mit Hamas-Führer Ismail Hanija (Archivbild)Großansicht

Gaza/Tel Aviv/Rom (dpa) - Grausamer Tod im Gazastreifen: Der Mord an einem italienischen Friedensaktivisten hat weit über die Region hinaus Wut, Bestürzung und Empörung ausgelöst.

Die Leiche von Vittorio Arrigoni war in der Nacht zum Freitag nur wenige Stunden nach dessen Entführung in einem leerstehenden Haus im nördlichen Gazastreifen gefunden worden. Die zu einer bislang unbekannten Islamistengruppe gehörenden Kidnapper hatten den in Gaza lebenden 36-Jährigen geschlagen, mit Handschellen gefesselt und dann erhängt. Ihr Sohn habe eigentlich vorgehabt, bald nach Italien zurückzukehren, sagte dessen Mutter Egidia Beretta.

Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano verurteilte die Ermordung Arrigonis als abstoßenden und barbarischen Terrorakt. Ermordet worden sei eine unschuldige Person, die sich bereits seit einiger Zeit in dem Gebiet aufgehalten habe, «um die Lage der Palästinenser im Gazastreifen aus der Nähe zu verfolgen und mit einem starken persönlichen Einsatz darüber zu berichten», heißt es in einer Erklärung des Außenministeriums in Rom.

Die Tat spiegele weder die Kultur noch die Traditionen der Palästinenser wider, sagte Hamas-Sprecher Fausi Barhum am Freitag. Die Täter seien Geächtete, die Chaos im Gazastreifen verbreiten wollten. Die Außenbehörde in Gaza erklärte, dass der Mord der Sache der Palästinenser schade.

Die pro-palästinensische Internationale Solidaritätsbewegung verurteilte den Tod eines «inspirierenden Aktivisten». «Vik» habe gelebt, um Gutes zu tun, sagte eine Kollegin Arrigonis. «Bleib menschlich», sei sein Motto gewesen.

Zwei Tatverdächtige seien bereits festgenommen worden, sagte der Sprecher der Innenbehörde in Gaza, Ihab al-Ghussein. «Sie gaben die Informationen, wo der italienische Staatsbürger festgehalten wurde.» Nach einem dritten Verdächtigen werde gefahndet.

Eine Freundin des Ermordeten beschreibt in einer Mail an italienische Gesinnungsfreunde, wie Vittorio Arrigoni aufgefunden wurde: «Er hatte keine Wunden durch Schusswaffen, er ist erdrosselt worden. Er blutete im Genick, wahrscheinlich als Folge erlittener Schläge, und an den Handgelenken wegen der Ketten oder Schnüre, mit denen er gefesselt war. Als die Polizei ihn fand, war er schon zwei bis drei Stunden tot», schreibt eine Frau namens Silvia.

Eine bislang unbekannte Islamistengruppe hatte am Donnerstag in einer im Internet veröffentlichten Videobotschaft gedroht, den entführten Arrigoni zu töten, falls die Hamas nicht bis Freitagnachmittag drei ihrer inhaftierten Führer freilassen sollte.

Die Entführer gaben sich als Salafisten aus. Diese verstehen sich als die wahren Hüter des Islam. Die von Al-Kaida inspirierten und im Untergrund agierenden Männer wollen im Gazastreifen einen islamischen Gottesstaat aufbauen. Aus ihrer Sicht ist die dort herrschende Hamas zu liberal. Die Entführer versuchten ihre Tat damit zu rechtfertigen, dass Arrigoni nach Gaza gekommen sei, um die Palästinenser zu korrumpieren. Außerdem sei Italien ein Land der «Ungläubigen», und italienische Soldaten kämpften in muslimischen Staaten. Der Führer der Salafisten-Bewegung, Ijad Al-Schami, bestritt am Freitag jede Beteiligung an dem Verbrechen.

Die Entführung Arrigonis war die erste eines Ausländers im Gazastreifen seit der Machtübernahme der Hamas vor knapp vier Jahren. Im März 2007 war der BBC-Reporter Alan Johnston in dem Palästinensergebiet ebenfalls von Salafisten verschleppt worden und erst nach 114 Tagen wieder freigekommen.

In den einschlägigen Islamisten-Foren tauchte nach dem Mord an dem Italiener zunächst kein Bekennerschreiben auf. Mehrere Terrorgruppen, die sich auf die Ideologie von Al-Kaida berufen, distanzierten sich von der Bluttat. Gleichzeitig kritisierten sie die radikal-islamische Hamas, weil die von ihr dominierten Sicherheitskräfte die «islamischen Gotteskrieger» verfolgten.

Konflikte / Nahost
15.04.2011 · 15:59 Uhr
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